Anfangs hatten sich durch seine Verbundenheit mit Katharina in dieser Eintönigkeit die großen Stunden aufgetan, Minuten, Blicksekunden von solcher Tiefe des Glücks, daß die Erfüllung der ältesten Sehnsucht des Menschen – die Überwindung der schicksalhaften Einsamkeit, die jedes Lebewesen dieser Erde trennt vom andern – ihm zuteil geworden war. Aber die Erinnerung daran, daß er dies Unfaßbare des Daseins einmal geschaut hatte, und auch das Wissen, daß dieses Entrücktsein nur solchen verstattet sein konnte, deren Verbundenheit vertieft ist durch ihre gemeinsame Hingabe an die Idee, war verblaßt.

Jürgen stand am Schreibtisch. Seine Hand legte einen Bleistift hin, nahm ihn wieder, legte ihn hin, nahm ihn. ‚Immer das selbe zu tun, das selbe zu tun, selbe zu tun und nichts zu erleben, da verflackert die Flamme ... Jahrelange Hingabe, ausschließlich durch sich selbst genährt! Ist sie menschenmöglich?‘

Er hätte schon fort sein müssen, um rechtzeitig in die Redaktion zu kommen. „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Wo war das? Tatsächlich, ungefähr so leben die. Und wir leben so. Das ist ein Leben!“

Wieder tropfte die lecke Dachrinne. Die Proletarierkinder tobten im Hofe, wo der graue Haselnußstrauch schon braunviolette Knospen trug. Wieder war ein Jahr vorbei.

‚Innere Vertrocknung. Ja, ja, innere Vertrocknung.‘ Er horchte auf das Klappern der Maschine. ‚Dieses Mädchen, Menschenkind, Menschheitskind mit dem großen, milden, starken Herzen, lebenslänglich hingegeben der Idee, ganz und gar!‘

Die Erschütterung ging durch den ganzen Mann durch. „Das Leben, sein Leben hinzugeben, auf einmal, ist ein Nichts ... Da drinnen sitzt die Größe. Die Größe bei der kleinen Arbeit! Das Kleine, das Tägliche, das Treue, täglich, durch Jahre, durch Jahre im Dienste der Idee getan, ist die Größe. Der Held ist tot. Der Held gehört vergangenen Jahrhunderten an ... Katharina sitzt, wie der Verurteilte, lebenslänglich im Gefängnis. Hat sich selbst verurteilt ... Verteile, wie sie, ein Leben lang deine Hingabe auf jährlich dreihundertfünfundsechzig Tage – erst dann hebe stillen Blickes die Hand in Stirnhöhe, wenn gerufen wird: Wer noch vermehrte die Zahl der vielen, auf deren dargebrachtem Leben ich, die Menschheit, in die Befreiung schritt? ... Ich weiß, daß dies, daß dies die wahre Größe ist“, flüsterte er bebenden Mundes.

Blickte, umstanden von Grauheit, zurück auf die Grauheit der vergangenen Jahre, suchenden, tastenden, flehenden Blickes auf die Grauheit künftiger Tage. Und hatte, Minuten später, unversehens den verluderten Backsteinwürfel verlassen, durch die Hintertür.

Schritt, von Lebensgier gestoßen, hinaus. Dem Walde zu. Hinaus über fette Schollenäcker. Atmete und schritt. Ihm entgegen stürzte das Leben.

Birken – butterzartes Hellgrün – säumten den Wald, dessen billionenknospiges Geäste violett im Frühlingsdampfe stand.

Der grüne Tunnelberg, strotzend von Brombeer und Schlehdorn, Brennessel, Felsmoos, zugeflogenen jungen Birken, wilden Obstbäumen und allerlei Grün – ein wild und dicht bewachsener Riesenrücken, in der Sonne funkelnd und glitzernd –, war schweißnaß.