Jürgen stand vor dem schwarzen Tunnelloch, blickte hinein, forschend, wie zurück in seine Vergangenheit. „Bis hierher rannte ich, damals, als die Tante mich angespuckt hatte. Wollte ich mich überfahren lassen? Da war ich fünfzehn Jahre alt“, sagte er, ergriffen von Sympathie für den Knaben. „Spuckt ihm ins Gesicht, dem Jungen. So ein Mistvieh! ... Nun, diese Ungeheuer in mir sind tot.“
Dies war nun schon seine vierte Wanderung in diesem Frühling. Immer war er vollgesogen, erfrischt, verdreckt und ausgehungert zurückgekehrt. Und Katharina hatte gesagt: „Das solltest du öfters tun.“
Einmal, schon vor Wochen, waren beide zusammen gewandert. Wachstum und Grün, noch gebunden, erst als Verheißung über den unabsehbaren Buchenwäldern. Schäumende Bäche, nasse Täler, Nebeldämpfe, die wie Rauch und Erde rochen, hatten Kälte verbreitet, in der schon die Glut des Kommenden prickelnd enthalten gewesen war.
Neugierig, was zu sehen sein werde, waren sie seitwärts aus einem von noch kahlem Gesträuche überhangenen Hohlweg emporgestiegen und auf die Landstraße gekommen, die, eben und linealgerade, weit, weit hinaus und zuletzt wie ein weißer Pfeil in den geheimnisvollen Horizont stieß.
Die Vorstellung: ein Mensch geht aus der Stadt hinaus, geht auf der Landstraße hin, läßt alles hinter sich, alle Qualen, alle Pflichten, geht immer weiter, weiter auf der Landstraße hin – hatte Jürgen, der Jüngling, jahrelang in sich getragen.
Katharina saß auf dem Kilometerstein, Jürgen neben ihr auf dem Baumstumpf. Durchwärmte Körper und kalte Wangen, die vor Hitze prickelten.
Während sie Brot und Wurst aßen, hing Jürgen jener alten Sehnsucht nach. „Wenn wir beide jetzt einfach losgingen, da hinaus, jetzt auf der Stelle, und ohne jemals umzukehren, immer weiter, du und ich, fort, immer weiter fort!“
„Ohne Zahnbürste, ohne Nachthemd, ohne Ausweispapiere“, hatte Katharina lächelnd geantwortet. „Ohne Wohin! Nur zusammen!“
„Ja, du und ich! Ohne Geld! Ohne Rückblick! Nicht mehr dies und das, nicht jenes, nicht die Redaktion, der Bildungskurs, nicht Doktorexamen und Ausweispapiere – nur der Mensch ist die Instanz. Wir, der Mensch, gehen und lassen, endlich! endlich! den Menschen atmen, fühlen, tun, erleben. Nur ihn! ... Müde, übermüdet, klopfen wir an ein Bauernhaus und bitten um ein Nachtlager.
‚Wer seid ihr?‘