‚Der Mensch!‘

Wir kommen in eine kleine Stadt, mitten hinein in das verfilzte Mein und Dein, und sagen: ‚Der Mensch ist da.‘

Ungeheures Erstaunen! Alle geben uns, was wir brauchen. Denn in tiefster Heimlichkeit haben alle den Menschen erwartet, an dessen Kommen sie schon gar nicht mehr geglaubt hatten.“

„Der Mensch ist aber noch nicht da, Jürgen. Den gibt es noch nicht, kann es noch nicht geben. Mensch zu sein, kann dem Einzelnen erst dann verstattet sein, wenn es allen verstattet sein wird ... Welch furchtbaren Verrat an der Idee wir begehen würden!“

„Du sprichst so ernst, als ob ich wirklich alles rücksichtslos abschütteln und auf dieser Landstraße weiterwandern wollte, hinaus in das Leben ... Würdest du darunter leiden?“

Wie seltsam tief ergriffen und dennoch heiter sie mich da angeblickt hat, erinnerte Jürgen sich und glaubte Katharinas Worte wieder zu vernehmen, die gesagt hatte:

„Muß denn nicht gerade der Mensch, der, sein Ich um jeden Preis zu gewinnen, jeder Pflicht entläuft, indem er, um des Lebensgenusses willen, rücksichtslos sein eigenes Ich zur obersten Instanz erhebt, sein Ich ganz und gar verlieren? Muß nicht gerade in dem Menschen, der ausschließlich seinen Wünschen und Begierden folgt, der Mensch ganz und gar untergehen? Und wird der Mensch und das in diesem Zeitalter verstattete Maß an Ich nicht erhalten bleiben nur in dem, der sie erfüllt: die Pflicht?“

Langsam hob er den Kopf, tat, wie damals, noch einen Blick in die wunderbare Ferne. Wandte sich wie gezogen um, starrte in das schwarze Tunnelloch: „Das ist die Pflicht ... Wenn ich mich nicht schon entschieden hätte, müßte ich mich doch wieder, doch wieder ... ich müßte mich doch wieder für die Pflicht entscheiden.“

„Doch wieder! Doch wieder!“ Trotzig wiederholte er im Schrittakt diese Worte. Während der letzten Jahre war Jürgen seiner Gedanken und Gefühle so sicher gewesen, daß er sie auch jetzt nicht kontrollierte.

Vor ihm lag sanft gewellt die Hochebene: Schollenäcker, Frühsaatflächen, weit hingebreitet, braun und grün. In der Nähe erklang Frauenlachen, dem eine baßtiefe Lachsalve folgte: Auf dem nächstgelegenen Hügel saßen die Fabrikantensöhne und -töchter beim Picknick. Am Fuße des Hügels standen sechs Kraftwagen, darunter der postgelbe des Bankiers Wagner.