„Na, so komm doch mit ... Aber wenn du nicht willst ...“ Jetzt erst bemerkte Adolf, daß er den staubigen Hühnerfuß wieder aufgehoben hatte, und schleuderte ihn seitwärts ins Feld, blickte dabei wütend seine Braut an.
Das angenehme Machtgefühl ließ Jürgen mitgehen. Die drei setzten sich, etwas abgesondert von den andern, auf die Wolldecke.
„Gebratenes Huhn und Rotwein, im Freien genossen – darüber hinaus gibt es nichts.“ Die andere Braut sagte dem Genießer, wer der Gast sei, dann wurde es auch auf dieser Wolldecke stiller.
Die fünfundzwanzig gepflegten, gesunden Menschen gehörten den reichsten Familien der Stadt, die Männer fast alle Jürgens Generation an: Fabrikantensöhne, die in den Geschäften der Väter arbeiteten oder sie schon selbständig führten, wie Adolf die Knopffabrik und das angegliederte Knopfexporthaus.
„Tüchtige Kerle! Daß der dort sich schon einen Namen in der Wissenschaft gemacht hat, weißt du ja. Unser Abiturientenjahrgang kann sich sehen lassen. Einer ist sogar schon Reichstagsabgeordneter. Der war ja immer einer der besten Schüler.“
Elisabeth begann von Literatur zu sprechen, lobte ein jüngst erschienenes Buch. Jürgen, ausgehungert, aß schweigend und viel.
Streitsüchtig nannte Adolf eine Anzahl so schlechter Bücher, die er für weit besser halte, daß Elisabeth lachen mußte. Und zu Jürgen, mit einem Blick des Einverständnisses: „Davon versteht er gar nichts.“
Die sechs Kraftwagen rollten langsam hügelaufwärts. Nachdem Elisabeth erzählt hatte, daß sie erst vor ein paar Tagen wieder Jürgens Tante besucht habe, die bedenklich krank sei, sprach Adolf sehr orientiert von der Wirtschaftslage des Landes. „Die ganze Dichterei ist mir, offen gestanden, natürlich recht gleichgültig, und was du treibst – Arbeiter verhetzen, Bomben fabrizieren, wie? – ist gar der reine Blödsinn ... Sieh dir an, was unsere Industrie auf dem Weltmarkte gilt, und werde vernünftig! Das ist der Rat eines Menschen, der kein Jüngling mehr ist, sondern die Verantwortung für das Wohl und Wehe von sechshundert Angestellten und Arbeitern ganz allein zu tragen hat. Meine Freunde hier, sieh dir sie an – lauter tüchtige Menschen! Der eine im Bankfach, andere in der Industrie oder in der Wissenschaft, in der Politik, Menschen, die sich und ihr Vaterland vorwärtsbringen ... Und Leo Seidel – erinnerst du dich noch an den Sohn des Briefträgers? Die Weltgeschichte, weißt du! Der ist heute, nachdem er eine Zeitlang Impresario und weiß der Teufel was alles gewesen war, Bankier in Berlin. Sitzt im Aufsichtsrat von einem Dutzend großer Aktiengesellschaften. Eine tolle Karriere! In ein paar Jahren kann er durch das Geben oder Verweigern seiner Unterschrift die Börse beeinflussen. Würde mich nicht wundern ... Wirklich, solltest meinen Rat befolgen und die Augen auch aufmachen.“
Jürgen lächelte das Lächeln eines Menschen, der seiner Sache sicher ist, diesen Rat nicht nötig hat, und gab keine Antwort, reichte beiden die Hand, schlug Elisabeths Bitte, im Wagen mit zurückzufahren, ab und schritt, nach einer knappen Verbeugung zur Gesellschaft hin, waldwärts.
‚Wie schloß Adolf seinen Hymnus auf sich und auf die Stellung unserer Industrie in der Welt?: Nur wer auf irgendeinem Gebiete etwas leistet, hat Macht. Und nur dem Mächtigen gehört das Leben.‘