Ohne den Blick zu erheben, sagte Seidel, daß er voraussichtlich bald der Klassenfünfte geworden wäre.
Und Jürgen rief: „Also deshalb, weil dein Vater kein Geld hat, mußt du Hausdiener werden, anstatt vielleicht ... Minister. Das ist ja! Alles was recht ist!“
„Mein Gott, was redet ihr Buben!“ Die Wöchnerin spuckte in den Napf. „Was ihr redet!“
Jürgen redete sich in Zorn hinein: „Absolut! Das ist maßlos ungerecht. Gemein ist das. Einfach hundsgemein! Wahrhaftig, das sage ich jedem, ders hören will.“ Auch Seidel hatte rotgefleckte Wangen bekommen.
Die Mutter beruhigte den Säugling. Und zu den Knaben: „Mein Gott, das sind ja lauter Dummheiten.“
„Nehmen wir an“, sagte Herr Philippi, „es sei schon von vornherein eine Dummheit gewesen von dem schwindsüchtigen Briefträger mit der großen Familie, seinen Sohn ins Gymnasium zu schicken.“
„Wenn Leo Seidel doch gescheit ist! ... Postdirektor werden kann! Wer kanns wissen?“
„Ganz recht, wer kanns wissen. Mancher Dummkopf wird Professor; manch kluger Kopf muß sich eine Kugel in den Kopf schießen. So ist das heutzutage. Und so wird es auch noch einige Zeit bleiben. Man muß sich schon überlegen, ob man Hoffnungen wecken soll, denen von vornherein die Armut schwer im Wege liegt ... Da eröffnen sich verschiedenerlei wüste Perspektiven.“
„Ich würde Seidel aber doch helfen, wenn ich Sie wäre. Sie sind reich.“
Alt lächelnd Herr Philippi: „Und ich, ich habe nicht den Mut dazu.“ Und schwankend zwischen Abweisung und Güte: „Du gehst jetzt nachhause, verstehst du, nachhause, und hältst alles aus. Verschwinde!“