„Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte.“ Und dann erzählte sie doch: Die Mutter ihrer Jugendfreundin, eine sehr gebildete, reiche Frau, habe ihre Tochter ganz bewußt zur Wohltätigkeit erzogen. Immer habe das Kind den Armen die Gaben reichen müssen.
„Und da geschah es einmal – und dies ist die Geschichte –, daß das Kind von seiner Mutter in den Garten geschickt wurde, einer alten Bittgängerin ein abgetragenes Kleidungsstück zu bringen. Da bricht das Kind, wie es unter dem Blicke der Alten steht, vor Trauer und Scham, daß es geben und die Weißhaarige von ihm empfangen muß, in Schluchzen aus, läßt das Geschenk fallen, läuft weinend zurück, kann und kann nicht beruhigt werden, schluchzt sich in eine Krankheit hinein ... Von dieser Zeit an hat es sich nie mehr zu solchen Wohltätigkeitshandlungen brauchen lassen. Denk an, da war sie sechs Jahre alt. Ihr Herz wußte schon alles ... Und jetzt? Wie furchtbar, wie tragisch ist das Leben, daß selbst solch ein Wesen so erkranken, solch ein Herz so verhärten konnte.“
Eine ungeheuere Erregung, die er mühsam zu unterdrücken versuchte, hielt Jürgen gepackt. Nur um etwas zu sagen, fragte er: „Und wenn ihr einander begegnet, grüßt ihr euch nicht?“
„Wie sollten wir! Jeder lebt auf einem anderen Planeten.“
Lebt auf einem anderen Planeten, flüsterte Jürgen innerlich. In weniger als einer Sekunde war der Saal mit dem Frackherrn-Jürgen aufgetaucht und wieder verschwunden gewesen.
Und plötzlich glaubte Jürgen, seine Schädeldecke hebe sich ab vor Grauen. Denn er wußte nicht, ob er selbst oder ob ein anderer in ihm gedacht, gefühlt und gesagt hatte: ‚Wie entsetzlich! Dann ist er unüberbrückbar auch von Katharina getrennt! ... Wer hat das gedacht?‘ fragte er. ‚Das habe nicht ich gedacht.‘
„Es ist im Grunde die Geschichte aller in ihrer Jugend idealistisch gewesenen Menschen“, hörte er Katharina sagen. „Du folgst deinen Wünschen und Begierden gegen das bessere Wissen deines Herzens, betrügst dein Bewußtsein, dein Ich, indem du nach Besitz, Macht, Erfolg, Genuß und Achtung strebst, dann kann es geschehen, daß du viel erreichst oder auch zugrunde gehst, in bürgerlicher Schande oder in bürgerlichen hohen Ehren ertrinkst, oder vielleicht in der Familienbequemlichkeit und einer – mittleren Stellung untergehst ...“
‚Das nun sollte mir nicht passieren.‘
„... daß du Automobile, betreßte Diener, eine Villa, verschönt durch edle Kunstwerke und Bücher, die du nicht nur hast sondern auch verstehst, daß du Fabriken, Ruhm, Achtung, Frauen, einen Kassenschrank voll Aktien und Gewalt über Tausende von Menschen eroberst ...“