„... aber in jedem Falle mußt du – und dies ist die Tragik des Menschen unseres Zeitalters – das Bewußtsein von der Wirklichkeit, wie sie sein könnte und wie sie ist, mußt du dein Bewußtsein, die Leidensfähigkeit und Güte deines Kindheitherzens und damit dein Ich, deinen Idealismus verlieren, der in unserem Zeitalter nur in dem hingabebereiten Kampfe um den Sozialismus seinen Inhalt haben kann.“
Und das weiß mein Bewußtsein, dachte Jürgen. Und hatte plötzlich gesagt: „Dagegen kann ich nicht einmal etwas einwenden.“
Zuerst schwieg Katharina. Dann wich sie mit dem Oberkörper seitwärts, sah Jürgen betroffen an: „Weshalb solltest denn du dagegen etwas einwenden?“
Zum zweitenmal empfand Jürgen in seinem Herzen Zorn gegen Katharina und schwieg.
Erst auf dem Heimwege – die freistehende Mietskaserne kam schon in Sicht: „Die Tante hat gesagt, es hänge noch ein ganz guter Anzug von mir im Schrank.“
„Den solltest du dir holen, wenn sie ihn dir gibt ... Ich habe damals, als ich wegging von zuhause, fast nichts mitgenommen. Aber wenn ich die Sachen jetzt holen wollte, die würden mir nichts geben.“
„Ach nein, so ist sie nicht. Enterben, vielleicht ja; aber sonst ...“
Einige Tage sprachen sie selten miteinander; Jürgen hatte in Gegenwart Katharinas das Gefühl, auf Luft zu gehen, und wich ihr aus, sooft er konnte.
Eines Abends, als er diesen Zustand qualvoller Spannung nicht länger mehr ertragen konnte, sagte er: „Wer bis zu seinem dreißigsten Jahre noch nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr erreichen.“ Er stand am Schreibtisch, Katharina neben ihm, mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie antwortete nicht.
„So wird man schließlich vierzig. Und was kann dann noch viel Erfreuliches kommen! Dann ist das Leben in der Hauptsache vorüber ... Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus ... Wer einfach glaubt!“