Sie war in dieser Stunde innerlich so grau und alt geworden, daß sie geglaubt hatte, für den Geliebten nicht einmal mehr Verachtung empfinden zu können. Und nun schlug sie, verletzend gleichgültigen Gesichtes, doch verachtungsvoll zurück: „Wenn man sich eng gegen die Mauer preßt, was kann da passieren!“ Auch dies noch ist ja überflüssig. Weshalb sagte ich es. Weshalb rede ich noch, dachte sie. Und fühlte ihr wimmerndes Herz.
„Verstehst du denn nicht ...“
„Ich verstehe dich schon, ich verstehe dich.“ Entschlossen, auf sich zu nehmen, was unabänderlich war, sah sie ihn an, und ihr Blick fragte: ‚Was soll also jetzt geschehen? Was suchst du noch hier?‘
„Wie ich nur zugerichtet bin!“ Er zeigte auf das Loch in der Hose. Und da sie schwieg und weiter fragte:
„Jetzt wird es Zeit, daß ich mir den andern Anzug hole ... Wir könnten uns später in der Stadt treffen, dann in die Redaktion gehen und zusammen nachhause.“
Und als er fort war, dachte sie doch darüber nach, ob es keine Möglichkeit gebe, ihn zu halten, ihn zum Ausharren zu bewegen. ‚Dadurch vielleicht, daß ich mit rücksichtsloser Klarheit ausspreche, was ist?‘
Sie setzte sich an ihren Arbeitstisch, blickte blicklos in das Zimmer, in dem, mächtig wie nie vorher, unvertreibbar die Vereinsamung stand. ‚Aber er ist sich ja klar; er kann ja nicht genommen werden wie ein unklarer Mensch mit phantastisch idealistischen Vorstellungen und Zielen, dessen Idealismus zersplittert, sobald er mit der harten Wirklichkeit zusammenstößt. Jürgen kennt ja die Wirklichkeit, denn er hatte den Inhalt seines Idealismus in dem Kampfe um den Sozialismus gefunden.‘
„Das Bad ist fertig. Die Wäsche habe ich auf den Stuhl gelegt. Die Schuhe stehen darunter“, sagte, glückstrahlend, Phinchen zu Jürgen. „Unterdessen bügle ich den Anzug auf. Er ist noch sehr schön.“
‚Immer wieder sagte er: Man wird alt ... Und etwas erreichen will er. Etwas werden. Einfluß gewinnen und Macht. Er will geachtet sein ... von denen, deren Achtung entwürdigend ist für den, der sie genießt ... Genießt. Er will genießen, leben ... Dies sind auch bei allen anderen die Motive des Abfalls, des Verrates an der Idee, ob die Verräter nun klar oder unklar, Sozialisten oder Phantasten waren. ‚Jeder für sich‘ wird, uneingestanden, ihre Weltanschauung.‘
Auch als Jürgen, gebadet, in frischer Wäsche und in dem gutsitzenden, schwarzen Anzug, die Treppe herunter auf das Wohnzimmer zuschritt, saß Katharina noch am Tische, reglos. ‚Auch das alles weiß Jürgen selbst. Deshalb muß und kann nur er selbst entscheiden ... Er hat entschieden.‘