„Schlafe du auch gut.“

Das war der Abschied.

Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie sah die lange Kette des Leides und der Hingabe. Sah, was ihr noch verstattet und beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.

„Du auch, schlafe du auch gut“, flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem Zwange folgen, immer in die Mitte der Steinplatten zu treten, mit denen der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Ritze zu treten, mußte er drei ganz kleine Schritte machen. „Schlafe du auch gut.“ Und einen Sprung, da eine große Platte kam. „Du auch gut.“

Überquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die Straßenbahn kam auf ihn zugesaust. „Entscheide dich! Entscheide dich!“ schrie er, gepackt von dem Zwange, die Schienen erst verlassen zu dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. „... zwei ... fünf ... acht, neun, zehn ...“

„Noch bis fünfzehn!“ schrie er. Zählte: „... zwölf, dreizehn, vierzehn ...“

Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine in dicken Verbänden. Elisabeth saß bei ihm.

VI

Duftlose Blumen standen im Krankenzimmer. Phinchen trug ihr Glück auf den Zehenspitzen, auch wenn sie im Keller oder im Dachboden war. ‚Die Pflege muß besser sein, als im besten Sanatorium‘, stand auf unsichtbaren Tafeln. In der Villa wurde nur noch geflüstert. Wenn die Tante einen Auftrag zu erteilen hatte, schlich sie, balancierend, auf Phinchens rund sich öffnenden Mund zu. Jürgen war unumschränkter Herr und zugleich das Kind im Hause, wohlbehütet Tag und Nacht.

Im Garten schaffte der Frühling. Wenn Jürgen auf dem Sonnenbalkon im Liegestuhl ruhte, an warmen Tagen stundenlang wachträumend vor sich hindöste, sah er, wie das Sein, das Leben, die Sträucher in sich leise zuckten, wie ein Blättchen sich aufrollte, der Sonne entgegen.