Halb fühlte und halb dachte er: Mein Leben steigt noch einmal von Grund auf an. Eine zweite Kindheit! Mein Leben rollt sich auf, so sanft, so mild.

Im Halbschlafe ging er über Brücken, immer wieder von neuem und immer weiter über Brücken. ‚In dieser Gegend gibts nur Brücken. Nichts als Brücken!‘

Keine Schärfe war in dem Geschwächten. Kein Wunsch berührte ihn. Alle Kämpfe, alle Leiden lagen weit zurück. Katharina lebte ganz verblaßt in blauer Ferne.

Seine weichen, beglückenden Seelenstimmungen, die Wohlgefühle der Gesundung und seine unbestrittene Macht über die Tante, die den Zurückgekehrten wie einen tausend Gefahren entronnenen, schwerverwundeten Krieger betreute, erhielten ihren Grundgehalt von dem Gefühle: ‚Ich habe diese Ruhe mir verdient!‘ Alles fügte sich widerstandslos ineinander.

„Ich verabschiede mich von Katharina“, konnte Jürgen ohne Erinnerungsschwierigkeit erzählen, als er, frei von den Verbänden, heiler Haut und Elisabeth am Arme, dem weißgedeckten Kaffeetisch unter dem Nußbaum zuschritt, „verabschiede mich wie immer: Gute Nacht, Katharina, schlafen Sie gut. Wie man eben so sagt, nicht wahr. Schlafen Sie auch gut, antwortet sie mir. Und ich gehe die Straße hinunter, beschäftigt mit einem Gedanken, allerdings mit einem jener entscheidenden Gedanken, – ich nenne sie Mittelpunktgedanken – die uns das ganze Leben plötzlich von einer völlig neuen Seite sehen und verstehen lassen.“

Auch an dem Unglücksfall ist dieses entsetzliche Mädchen mit ihren verrückten Ideen schuld, hatte die Tante, als Jürgen ins Haus gebracht worden war, zu Phinchen gesagt. Jetzt ließen Angst und Scheu vor dem Zurückgekehrten nicht einmal die Erinnerung daran, daß sie dies gesagt hatte, in ihr aufkommen.

Bereit, den Satz nicht zu Ende zu sprechen, sagte sie vorsichtig: „So tiefsinnige Gespräche sind vielleicht nichts für einen Rekonvaleszenten.“

„Die Tante hat ein Kind bekommen. Das päppelt sie“, spottete Jürgen, der in Gegenwart Elisabeths nicht als Kind behandelt und nicht bemitleidet sein wollte.

„Du hast viel gelitten, Jürgen.“

Sein Blick, in dem Zorn sich schon ankündigte, ließ die Tante sofort verstummen. Sie häkelte schweigend weiter an dem Sesselschoner und häkelte weiter an ihrem Plane. Ihr Bankier hatte sie lachend beruhigt über den Stand des Bankhauses Wagner; dieses Gerücht sei nur ein Börsenmanöver der Konkurrenz gewesen.