Zwar ist die Familie Wagner sehr jung, der Vater des Bankiers noch Häusermakler gewesen, dachte die Tante. ‚Die Geschichte der Familie Kolbenreiher dagegen kann bis in die Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Aber mit der Zeit werden auch junge Familien alt.‘ Dabei horchte sie auf die Stimme Jürgens, der selbst das Gefühl hatte, selten so mühelos geistvoll gesprochen zu haben.

Von den Zehenspitzen bis zur Schädeldecke voller Ruhe, blickte sie Jürgen und Elisabeth nach, der kein Mensch ansehen konnte, daß noch ihr Großvater ein kleiner, schmieriger Häusermakler gewesen war.

„Und jetzt zeigen Sie mir Ihr Knabenzimmer.“

„Das liegt aber sehr versteckt, oben, unter dem Dach. Dort vermutet uns niemand.“

Sie gab ihm seinen Erobererblick zurück.

„Ich selbst habe es seit vier Jahren nicht mehr betreten“, sagte Jürgen und betrachtete die ovalen Photographien der Familie Kolbenreiher, die, zu einem großen Oval geordnet, über dem schmalen Kanapee hingen.

Vom Fenster aus sahen sie den Nußbaum und den Kaffeetisch, wo die Tante, ein winziger, schwarzer Punkt, häkelnd saß.

Wortlos blickte er Elisabeth an, schritt zur Tür, schloß ab.

Sie trug ein blaßblaues Seidenkleid, stand mit dem Rücken gegen das Fenster, die Hände auf das Sims gestützt. Der Herzschlag tickte unter der zarten, weißen Haut am Halse. Ihr Haar war blond, heller an den Stellen, die Luft und Sonne ausgesetzt blieben, und in den Tiefen gelblichgrün, gleich unreifem Getreide.

Einen kaum bemerkbaren rosa Schimmer im ganzen Gesicht und den blendend klaren Blick fest auf Jürgen gerichtet, sagte sie, selbstbewußt die Schulter leise zuckend, ihm wortlos, daß es nur geschah, weil auch sie es wolle.