Und als sie wieder am Fenster stand, Hände aufgestützt, genau wie vorher, und fragte: „Liebst du Katharina noch?“ dachte er: Daß sie das nicht vorher gefragt hat, ist großartig von ihr. „Unsinn! Katharina lebt sozusagen auf einem anderen Planeten ... Jetzt müssen wir aber hinuntergehen, sonst merkt die Tante, was los ist.“

„Und wenn auch!“ sagte mit aufrichtiger Geringschätzung dieser Möglichkeit Elisabeth: ein Wesen, das, ohne viel eigenes Bemühen lebensklug geworden, ein glatt funktionierendes Gehirn fertig mitbekommen zu haben schien, Fragen an das Leben, Zweifel, Gefühls- und Gewissenskonflikte nie gekannt hatte und, jenseits aller Selbstbelügung, sich und anderen offen eingestand, daß sie für nichts anderes Interesse habe als für sich selbst, ihr Leben und ihre Genüsse.

„Du bist großartig. Wer und was immer sich uns beiden in den Weg stellt, wir werden siegen.“ Sie gingen in gleicher Höhe auf der selben Fläche einander entgegen und standen, Körper an Körper, Mund auf Mund gepreßt,

während Katharina, zusammengerollt wie ein krankes Tier, in den Kleidern auf dem Bette lag. Der Fensterladen war geschlossen, das Zimmer nachtfinster. Nur ein schneidend dünner Sonnenstrahl lag auf dem Fußboden und auf dem Strahle der Schnauz. Ihr Gefühls-Ich, auseinandergerissen, offen, zuckte bei der leisesten Berührung, bei jedem Gedanken an Jürgen: wenn sie irgendeinen Gegenstand sah, der ihm gehörte, den Bleistift, den Schotterstein, ein paar unbrauchbare Schuhe, die wie immer in der Ecke standen.

Als gäbe der Instinkt ihr ein, daß sie nur dann nicht Schaden nehmen würde an ihrer Seele, wenn sie dem schweren Leid ganz rückhaltlos sich preisgebe, ließ sie niemand zu sich, keinen Trost; sie betäubte sich und ihren Schmerz nicht mit Leben, nicht mit Arbeit. Lag Tag und Nacht auf dem Bett, hineingewühlt in das Leid, kämpfend um die Genesung, um ihr Leben.

Jürgen war der erste, war der einzige Mensch gewesen, dem sie rückhaltlos vertraut und mit dem zusammen sie der Einsamkeit den Raum verstellt hatte.

Nach drei so durchkämpften Wochen strich Katharina, an dem Tage, da sie sich schwanger fühlte, zum ersten Male wieder über den Kopf des bettelnden Kameraden, der wegen der wochenlangen schlechten Behandlung sofort vorwurfsvoll zu bellen begann und, da Katharina ihn schon wieder nicht mehr beachtete, sich niederlegte, Schnauze auf den Vorderpfoten, in vergrollendem Vorwurfe.

Noch ein paar Wochen – der Fensterladen war wieder offen, sie hatte wieder begonnen, zu arbeiten – hoffte Katharina, Jürgen werde, nachdem er erkannt habe, daß die Siege, die in dem anderen Lager errungen werden konnten, entwürdigend und wertlos seien, zurückkehren zu der Pflicht, die sein Bewußtsein ihm zum Schicksal mache.

Mit den Monaten und den Tagen immer gleichen treuen Leidens und immer gleicher treuer Arbeit entstand in ihr der neue Anfang. Schon konnte es geschehen, daß Katharina ein Lächeln tiefempfundener Freude in den Augen trug, wenn sie in eine Arbeiterversammlung kam und die Sympathie ihrer grüßenden Genossen fühlte.

Schon als er noch bettlägerig gewesen war, hatte Jürgen, einig mit der Tante, daß dies das zunächst Allerwichtigste sei, sich auf das Doktorexamen vorbereitet.