Weihnachten war die kirchliche Trauung. Jürgen hatte der flehenden Tante endlich mit den Worten: „In des Teufels Namen!“ nachgegeben. Und Elisabeth hatte sich ihre Einwilligung zu einer kirchlichen Trauung von ihrem Vater abkaufen lassen durch ein Brillantgehänge.

Lorbeerbäume bildeten eine Gasse vom Hochzeitswagen bis zum Altar, vor dem die Brautleute knieten, in großem Halbkreise umgeben von den Verwandten und Bekannten beider Familien.

„Verdammte Komödie!“ flüsterte heiter der Kniende, und Elisabeth drückte zum Einverständnis Jürgens Arm und senkte das Haupt, das Lächeln zu verbergen. Das sah aus, als horche sie ergriffen den Worten des Geistlichen.

Während der Trauung sang ein Gemischter Chor mit Orgelbegleitung: „Himmel erhöre, erhöre das Flehen: Liebe laß walten im Heime der Gatten.“

Fast alle Damen und Herren, die damals auf dem Hügel Rotwein und Brathuhn genossen hatten, auch zwei Universitätsprofessoren, der junge Wissenschaftler, ein Chefredakteur und einige Künstler, mit denen Elisabeth Verkehr pflegte, saßen an der Festtafel, die, in Hufeisenform, die ganze Breite des Wagnerschen Gesellschaftssaales einnahm und mit zwölf, aus Treibhausveilchen nachgebildeten, riesigen Hufnägeln geschmückt war. Diese Idee stammte von Jürgens Schwiegermutter.

Die Neuvermählten saßen, mit dem Blick in das Halbrund hinein, genau in der Mitte des Hufeisens, so daß ihre Beine den mittleren Haken bildeten, mit dem das Pferd Funken aus dem Pflaster zu schlagen vermag.

Wurde am seitlichen Haken von Presse, Wissenschaft und Kunst ein Witz gemacht in bezug auf die Neuvermählten, dann langte er, zwinkernd weitergegeben, sehr schnell beim rechten Seitenhaken an, wo er in das Gespräch über das mögliche Fallen oder Steigen eines Börsenpapieres ein Loch riß, das sich nach zwei Sekunden wieder schloß.

„In bezug auf das Bankfach bleibt meine Weltanschauung: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert“, wiederholte Jürgens Schwiegervater, der ohne erhobenen Zeigefinger nicht sprechen konnte.

Das Streichquartett spielte auf Wunsch von Jürgens Schwiegermutter zum zweitenmal die Träumerei von Schumann. Die servierenden Diener hatten weiße Handschuhe an. Das Hufeisen dampfte. Nur der reichste Mann, ein Hütten- und Walzwerkbesitzer, aß beinahe nichts; er war leberkrank, dottergelb, trank Brunnen und hatte noch kein Wort gesprochen. Seine knapp vor dem Sprunge in das volle Leben stehende, sehr begehrte schöne Tochter legte ihm die sorgfältig ausgewählten winzigen Bissen vor.

Den beiden gegenüber saß der unförmig dicke Papierfabrikant Hommes. Der sah beständig aus, als müsse er jeden Augenblick niesen, und hörte dabei aufmerksam einem Gummifabrikanten zu, welcher bewies, daß und warum infolge der schon nicht mehr schönen Preissteigerung des Rohmaterials ein glattes Geschäft überhaupt nicht mehr möglich sei. Man müsse sich winden, nichts als winden.