„Katharina. Einen Sohn! Die Familie tut, als ob sie das gar nichts anginge. Frau Geheimrat Lenz soll vor Gram gestorben sein ... Wann gehen wir in den Salon?“
Eine endlos lange Sekunde hatte Jürgen das Empfinden, in seinem Kopfe kreise mit vertausendfachter Schnelligkeit Schläfen-sprengend ein kalter Blitz. Das ganze neue Leben lag in Scherben. Jürgen stieg heraus aus den Trümmern, die Freitreppe hinunter, schritt, gestoßen von etwas, das in gleichem Schritt und Tritt hinter ihm her ging, durch die Stadt.
Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der Erde rot leuchtend in der Finsternis.
Die Nacht war warm, das Fenster geöffnet. Er hörte Stimmen, mehrere Männerstimmen, eine Antwort Katharinas, sah, wie sie, in der Hand einen weißen Teller, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.
Jürgen glaubte den Agitator zu erkennen, der, die Hand vorgestreckt, etwas zu dem Metallarbeiter sagte. Vernahm Katharinas Lachen. Das klang so geheimnisvoll mild in die Sommernacht.
Die Schreibmaschine begann zu klappern. Der Agitator diktierte.
‚Das ist eine Welt für sich ... Welch ungeheuere innere Veränderung in mir wäre nötig, einzutreten ... Die Haustür ist nur angelehnt.‘
Drei Arbeiter traten aus der Tür. Jürgen war verschwunden.
Erst nach Tagen gelang es ihm, sich zu beruhigen mit dem Gedanken, daß es Katharina vielleicht besser gehe als ihm. ‚Sie hat nicht diese Scherereien wie ich. Muß sich nicht mit diesem Gesindel herumbalgen. Sie hat ihre Genossen. Sie lebt ihrer Idee.‘ In dieser Zeit faßte er den Plan, ein großes Werk zu schreiben, betitelt: ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘.
Jürgen hatte den ganzen Vormittag in dem gut durchwärmten Direktionsbureau gearbeitet. Als er hinaustrat in den schneidend kalten, schneidend hellen Wintertag, tränten seine Augen, so daß er einen Laternenpfahl und den Oberkörper und den Kopf eines Spaziergängers doppelt und dreifach sah.