In dieser Sekunde hatte Jürgen das erstemal den Gedanken, daß nicht nur er selbst sondern jeder Mensch aus mehreren, innerlich tatsächlich vorhandenen Menschen bestehe, die, wie der mit tränenden Augen gesehene verdreifachte Spaziergänger, hintereinander und ineinander geschalt, in den Menschen steckten, dachten, wahrnahmen, fühlten und gegeneinander kämpften.

Während er der Trambahnhaltestelle zuschritt, sah er auf die zwanzig Monate seines neuen Lebens und seiner neuen Tätigkeit zurück. War von Jürgen, dem Teilhaber des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher, in Erfüllung seiner Pflicht und Aufgabe, die Interessen des Hauses und der Kunden zu schützen, die Weisung erteilt worden, an der Börse Papiere zu kaufen oder zu verkaufen, dann hatte ein anderer Jürgen klaren Bewußtseins gesagt: Es bleibt eine in alle Ewigkeit unverrückbare Tatsache, daß dieser Gewinn ein Teil des Mehrwertes ist, abgepreßt dem Proletariat, zugunsten des Rentiers Hummel und des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher.

‚Also auch zu meinen Gunsten. Ich also lebe von dem Mehrwert, bereichere mich an dem Mehrwert, den andere hervorbringen. Und ich bin mir dessen voll bewußt.‘

‚Nicht du bist dir dessen bewußt, sondern ich.‘

‚Wer ich? Wer ist sich dessen bewußt?‘

‚Ich! Ich bin schon nicht mehr du.‘

Es hatte sich anfangs sehr oft ereignet, daß der bewußte Jürgen ganz über den Teilhaber-Jürgen vorgetreten war, ihn hinter sich gedrückt, die Schreibfeder auf das Tintenfaß zurückgelegt und glatt herausgesagt hatte: „Aber das ist ja Raub, lieber Schwiegervater. Ich mache das nicht mit, Herr Hummel.“

‚Und jetzt machte der leberkranke Hütten- und Walzwerkbesitzer das Geschäft.‘ Auf diesen Worten schiebt der Teilhaber sich wieder in den Vordergrund, stemmt die Faust auf den Schreibtisch, gibt seine Direktiven und denkt: Das Leben ist Kampf. Wer die Waffen fallen läßt, über den geht es hinweg. So ist das Leben. Und dem Proletariat, das sowieso der Leidtragende ist, kann es gleichgültig sein, wer den Gewinn hat.

‚Aber dir kann es nicht gleichgültig sein.‘

‚Es ist sogar immer noch besser, ich habe den Vorteil als der Leberkranke, der nicht einmal weiß, was er tut, keine Ahnung davon hat, daß er sich bereichert an dem Schweiße und an dem Blute der Arbeitenden.‘