„Eines Tages entläuft das Kind, geht durch.“
„Wahrscheinlich, weil es schlecht behandelt wurde, Sie verstehen.“
„Die Pflegemutter stirbt.“
„Auf diese Weise hat man ... Ist verschollen ... nie etwas ... Kein Lebenszeichen mehr! ... von dem Fehltritt erfahren ... Als ob sie Jungfrau wäre! ... Ja, was sagen Sie dazu ... Wo mag das arme Kind jetzt sein.“
Ein fünfzigjähriger Mann torkelt betrunken, verdreckt, heruntergekommen auf einer amerikanischen Landstraße, wirft die Arme, schimpft auf die Welt. Wird erstochen. Erleidet als Matrose Schiffbruch, ertrinkt. Krepiert im Berliner Obdachlosenheim. Schuftet nach dem Taylorsystem in Chicago. Ist Gelegenheitsarbeiter im Newyorker Hafen. Magistratsschreiber in einer kleinen deutschen Stadt. Während diesen drei Damen das Kind gegenwärtig ist wie ein Schweißausbruch, hatte Jürgen heiter gedacht.
„Das arme Kind muß doch ... Diese Schande für die bisher so hochgeachtete ... gefunden werden ... alteingesessene Familie Kolbenreiher.“
Und war, getroffen von diesem unverhofften Stoß, beinahe vom Stuhl gefallen.
Nie in ihrem ganzen Dasein hatte die Tante, die nach der Beichte völlig unerwarteterweise wieder gesund geworden war, etwas so tief und schmerzlich bereut wie diese Beichte. Nicht einmal das Jugenderlebnis selbst. Nie in seinem Leben war Jürgen vor einem Menschen gestanden, der so bis in die tiefsten Tiefen erschüttert, so fassungslos gelacht hätte wie Elisabeth. Und nie in seinem Leben hätte Jürgen es für möglich gehalten, dieses Gefühl der Rührung und Sympathie für die Tante empfinden zu können.
Auch sie wollte leben. Und wurde nur ein einziges Mal vom Leben gestreift, dachte er auch jetzt, wie er die Tante ansah, die einer uralten, zähen, endlich zerfallenden Eichbaumwurzel glich. ‚Wie hat sie mich gepeinigt! Wie ganz und gar ist das Geschöpf, ist der Mensch, der sich damals von dem Geliebten umfangen ließ, versunken und ertrunken. Welch Dasein!‘
Seit dem Schlage, den sie selbst der Familienehre zugefügt hatte, war die Kraft der Tante gebrochen gewesen. Ihre zwölf Fragezeichen waren weiß geworden. „Bald erbst du alles“, sagte sie, flackernden Blickes, richtete den gelben Totenschädel auf.