Und Jürgen dachte: Wenn nicht das Kind eines Tages doch noch erscheint und sagt: Da bin ich. Der Erbe bin ich.
Er stieg in den Lift, der eingebaut, fuhr in den zweiten Stock hinauf, der aufgesetzt worden war, und dachte dabei an sein Kind.
Immer, wenn er an den Sohn der Tante erinnert wurde – und dies geschah häufig, denn Elisabeth brach auch jetzt noch oft in Lachen unvermittelt aus –, dachte er an den Sohn Katharinas, der Geld zu schicken er nicht wagte.
‚Zu dem Sohn der Tante, der wahrscheinlich gar nicht mehr lebt, und, lebte er noch, nicht die leiseste Ahnung hätte, wessen Sohn er ist, eine Verbindung herzustellen, wäre leichter als zu meinem Sohne, der eine Gehstunde von hier entfernt im Waschkorb liegt ... Oder kann er schon laufen? ... Sie lebt ja tatsächlich auf einem anderen Planeten.‘ „Merkwürdiges Mädchen“, murmelte Jürgen und trat, da er Elisabeths helle Stimme vernahm, in den Salon, dessen Tapete farbig schmetterte.
Zwischen ornamental geschwungenen, riesigen Schwertlilien und Wasserrosen – blau, rot, violett – und giftgrünem Schilf auf Goldgrund, der den See darstellte, versuchte alle Quadratmeter der selbe Faun die selbe Nymphe zu fangen und konnte sie nie erwischen. Dreiunddreißig Nymphen hatte Jürgen gezählt.
Der Salon erinnerte ihn an den der Frau Knopffabrikant Sinsheimer, wo ihn die Furcht vor der Leiche des Vaters angesprungen hatte. Denn außer den reichgeschnitzten schwarzen, unverrückbar schweren Eichenholzmöbeln – zum Platzen dicke schwarzgebeizte Putten schleppten, himmlisch lachend, ohne jede Anstrengung riesige Füllhörner von links nach rechts, oben um die Prachtstücke herum, und die in der Mitte obenauf sitzenden Putten spielten dazu die Flöte – standen und lagen auch hier viele singende, musizierende, miauende, tanzende Hochzeitsgeschenke und Gebrauchsgegenstände, die nicht benutzbar waren, darunter ein Riesenkäfig, in dem ein ausgestopfter Papagei saß, der alles hatte, was er zum Leben brauchte: Wassernapf, Futternapf, gefüllt mit Wicken aus Holz, und – beladen mit nagelneuen Birnen, Trauben, Äpfeln und Pfirsichen aus farbigem Tuch – die zwei silbernen Tafelaufsätze in Eiffelturmform, von Frau Sinsheimer als Hochzeitsgeschenk geschickt, genau so gut erhalten, wie sie sich bei ihrem eigenen Hochzeitstag eingestellt hatten. Zwei große künstliche Palmen, auf Ständern mit gelben Storchenbeinen, verdunkelten das Fenster.
„Ich wiederhole: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, erklärte gekränkt Frau Wagner, die, während die Neuvermählten auf der Hochzeitsreise gewesen und die Tante, wegen der unaufhaltsamen Verbreitung des Klatsches sterbenskrank geworden, im Bett gelegen war, ganz allein das Einrichten der Wohnung besorgt hatte.
„In dieser Wohnung gibt es vielerlei Tiere und eine große Anzahl Fabelwesen, aber keinen Gaul“, versicherte launisch Elisabeth und sah umher: Vom nie benutzten Kohlenkasten, schwarz lackiert, auf dem die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, bis zu dem zwei Meter hohen seidenen Wandschirm, auf dem ein gestickter, lebensgroßer Storch das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Elefant den Rüssel feierlich-langsam hin und her. Das Ziffernblatt in seiner Stirn stellte Afrika dar. Diese Uhr hatte Frau Wagner, nachdem sie bei Frau Sinsheimer zu Besuch gewesen war, telegraphisch in der Fabrik bestellt.
Arm in Arm verließ das Ehepaar den Salon. Und das Bewußtsein, das hinter Jürgen herschritt, in gleichem Schritt und Tritt, sah Katharina, die, in der Hand einen weißen Teller voll Brei, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.
Katharina befand sich in weiter Ferne, aber überaus deutlich sichtbar; nicht so verblaßt wie damals, als Jürgen gesundend im Liegestuhl gelegen hatte. „Das wechselt.“