„Was wechselt?“ fragte Elisabeth.

„Die Stimmungen wechseln. Einmal ist man ernst, dann wieder heiter. Ein andermal, ich möchte sagen: in gespaltener Stimmung.“

„Das Leben würde ja auch zu langweilig sein, wäre dies anders.“

Frau Wagner durchblätterte noch das in gepreßtes Schweinsleder gebundene und mit einem winzigen goldenen Hängeschlößchen versehene Album, das die repräsentablen Ahnen der Familie Wagner enthielt. Herren ließen den Schnurrbart, Bräute das Hochzeitskleid bewundern. Die Photographieaugen blickten. Wünsche waren erfüllt. Männer standen aufrecht im Leben, die Faust auf der Kante des zerbrechlich zarten Tischchens. Damen, die Frisuren schulterwärts geneigt, Augen halb geschlossen, zeigten, daß sie ohne Ideale nicht leben konnten. Kinder standen noch im Kampf mit der Natürlichkeit.

Frau Wagner schloß das Album: Das zerhackte Gesicht eines degenüberquerten Studenten in Wichs kam auf das Gesicht einer alten Frau im Totenbett zu liegen. ‚So viel Geld und so viel Mühe, und jetzt sind sie nicht zufrieden mit der Einrichtung.‘ Frau Wagner sah umher, den Kopf aufgestützt.

Eine halbe Stunde später, als Jürgen vorbeiging, sah er Frau Wagner noch immer sitzen im Salon, den Kopf gestützt wie vorher, reglos und traurig. Der kostbare Reiherhut hatte sich etwas verschoben.

‚Das würde ein zu schwerer Schlag für sie sein. Wir werden uns eben an die tausend Zentner schwere Einrichtung und an die Menagerie gewöhnen müssen; haben uns ja schon daran gewöhnt. Das ist ja auch unwichtig. Das Leben stellt andere Aufgaben.‘

Ganz andere Aufgaben! dachte er. Und fand sie nicht. Fand nichts, das wert gewesen wäre, sich dafür einzusetzen. Auch heute hatte die tote Einsamkeit, die um und in ihm stand und das ganze Haus durchdrang, ihn eine Stunde früher als nötig fortgetrieben.

Die Tante war ins Bett gebracht worden. Sinnend blickte sie in die Richtung der Mutter Gottes; die gelben, dünnknochigen Finger hielten die geöffnete Schatulle, in der sie das Verzeichnis ihrer Wertpapiere aufhob.

Jürgen liebte es, in die Schreinerwerkstatt neben der Haltestelle einzutreten und, plaudernd mit dem alten Meister, den Gesellen bei der Arbeit zuzusehen, bis der Trambahnwagen kam. Eine Schreinerwerkstätte, die Hobelspäne, der Holz- und Leimgeruch waren für Jürgen der riechbare und sichtbare Ausdruck eines einfachen, lebenswarmen Daseins, wie er es, seitdem er Teilhaber war, für sich gewünscht hätte.