„Ihre Mutter war noch gar nicht auf der Welt und von Ihnen selbst, mein Gott, keine Spur, damals, als mein Vater die Möbel für Ihre Großeltern gemacht hat. Ich war seinerzeit Lehrjunge, und Ihre Tante war so ein huschiges Springerchen von zehn Jahren.“
„Wie war denn meine Tante als Kind?“ fragte Jürgen, plötzlich wieder von Sympathie ergriffen.
„Da, sehen Sie ihn an: der Sägbock war ihr Reitpferd. Auf dem selbigen Sägbock ist sie geritten jeden Tag. Und so manches Mal war sie einfach verschwunden. Nicht zu finden! Da haben wir sie gar oft aus den Hobelspänen rausgezogen. Hat sich hineinvergraben, ganz und gar zugedeckt und ist dann plötzlich wie ein kleiner Teufel rausgefahren. Wollt nie nachhaus. Hat gestrampft und geheult ... Wild war sie. Ein Wildes Kind! Schwer zu erziehen.“
„Was Sie sagen!“
„Das Leben hat nachher das seine getan ... Da kommt Ihr Wagen.“
Jürgen zeigte die Abonnementkarte dem Schaffner, der lächelnd abwinkte: „Gilt schon! Wir kennen ja einander.“
‚Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte das überhaupt nicht für möglich gehalten.‘
„Mir wenigstens brauchen Sie die Abonnementskarte nicht mehr zu zeigen. Jetzt fahren Sie seit zwei Jahren täglich viermal.“
‚Wenn ein wildes, unbändiges, eigenwilliges Kind so werden kann, wie die Tante geworden ist, vom Leben so ruiniert werden konnte, da kann man von Verantwortung des einzelnen ja überhaupt nicht mehr reden. Die Verhältnisse sind schuld. Sicher auch bei Katharinas schöner Jugendfreundin mit dem leidensfähigen, milden Herzen, daß sie so lala eine Gesellschaftsdame und die Frau des Oberstaatsanwaltes wurde ... Oder doch nicht die Verhältnisse? ... Wer könnte entscheiden, ob ein Mensch die Kraft gehabt hätte, weiter zu kämpfen und zu leiden, oder ob stärker als seine Kraft die Verhältnisse und die in ihm lebenden Begierden waren? Es gehört heutzutage schon sehr viel Kraft dazu, sich selbst im Leben vorwärts zu bringen. Wieviel mehr erst, die Sache der Allgemeinheit auf sich zu nehmen und vorwärts zu bringen! ... Man setze erst sich selbst durch und stelle dann sich und seinen Einfluß und seine Macht in den Dienst der Allgemeinheit.‘
‚Und was wird unterdessen, während du dich durchsetzt, so lala mit dir, mit dem Bankier Kolbenreiher, geschehen?‘ fragte mit schon kaum mehr vernehmbarer Stimme das weit zurückgedrückte Bewußtsein. Und stieß plötzlich eine grauenvolle Drohung aus, die aber, von Jürgen nur dunkel vernommen und empfunden, nicht gleich vordrang bis an den Bezirk des neuen Bewußtseins, das in diesen Jahren immer häufiger Sieger geblieben war.