Noch einmal entwand sich die Drohung der tiefsten Tiefe seines Wesens, stieg empor als Hinweis auf eine unentrinnbare Todesgefahr, und Jürgen wurde sekundenlang innerlich gelähmt, so ganz und gar wie in der vergangenen Nacht, da eine fremde Macht im Albtraum ihn gelähmt und unwiderstehlich gezwungen hatte, den Sarg zuzunageln, in dem, noch lebend, er selber gelegen war.
„Wie lange fahren Sie schon auf dieser Strecke?“
Und während der Schaffner sinnend „Zehn, nein, schon elf Jahre!“ sagte, wiederholte in verzweifeltem Ansturme das zurückgedrückte Bewußtsein zum dritten Male seine grauenvolle Drohung. Jürgen fröstelte im Rückenmark, wie damals in der Hafenstadt.
„Bastgeflecht ist sehr praktisch, hält lange, was?“
„Ja, das gibt aus.“ Auch der Schaffner prüfte mit seiner starken Hand anerkennend das Bastgeflecht der Sitzlehne und schritt dabei hinaus auf die hintere Plattform, legte den Zeigefinger an die Mütze, und das junge Bureaumädchen schob ihre Abonnementkarte wieder in das Handtäschchen, sah ernsten Blickes ihr Leben an. Die Alleebäume flogen nach rückwärts.
Das sind nur die Nerven, dachte Jürgen, mit bezug auf die Drohung ... Zwei Jahre! Muß endlich auf ein paar Wochen ausspannen. Mich erfrischen. Eine Reise! Das habe ich mir verdient ... Diese warmen wunderbaren Herbsttage! Das wird schön sein.
Als die Allee endete, die Straßen enger, der Wagenverkehr und der Lärm stärker, die Luft schlechter geworden waren, setzte das Bureaumädchen sich in den Wagen, dankte mit ernstem Nicken für den Gruß ihres Chefs und begann in einem Buche zu lesen. Sie war die Tochter eines in der Papierfabrik des Herrn Hommes beschäftigten Hilfsarbeiters und seit ihrem sechzehnten Jahre in der Buchhaltung des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher angestellt.
Am Vormittag hatte er persönlich die Jahresabrechnung über das Vermögen der Tante in der Buchhaltung geholt und dabei das Mädchen zum erstenmal gesehen. ‚Jetzt sitzt sie genau so in sich verschlossen da und liest, wie die fünfzehnjährige Katharina im öffentlichen Parke gesessen hatte. Der selbe stillbewußte, ernste Blick, wie Katharina ihn heute noch hat. Nur jünger ist sie. Selbstverständlich viel jünger! Äußerlich überhaupt ganz anders. Die Gestalt ist etwas voller. Aber dieser Blick! ... Neue Jugend wächst heran und nimmt den Kampf auf‘, hatte er plötzlich gedacht.
‚Hübsch ist sie. Sehr hübsch! ... Nur eine Geldfrage ... Allerdings ein ernstes Geschöpf ... Gerade deshalb ungewöhnlich anziehend ... Ihrem Chef würde sie nicht widerstehen können.‘ Er entkleidete sie.
Eine zwei Zentner schwere, weißhaarige Frau mit gewaltigem Busen stieg ein, setzte sich Jürgen gegenüber.