Eine halbe Stunde später schloß das Fuchsgesicht, Zeigefinger am Munde, leise die Haustür auf und ließ die Schulkameraden hinaus. Adolf griff an seine Krawatte, die tadellos gebunden war. Ohne eine Flasche Rotspon intus zu haben, lege er sich nicht in die Falle, sagte der Artillerieoffizier. Und Jürgen, wieder nüchtern, in soignierter Haltung, verbarg ein Lächeln über das Gehaben des Artilleristen.
Elisabeth lag im weißseidenen Schlafrock lesend auf der Ottomane, reichte ihm frei und liebenswürdig die Hand, offenen Blickes. Wo er denn herkomme. Sie war so einfach und frisch wie die große Birne, die, von Phinchen am Nachmittag im Garten gepflückt, in Reichweite auf dem Tische lag. Das spitzige Messer lag daneben.
Diese reine Atmosphäre in meinem Hause, dachte Jürgen.
„Ich war auch weg heute abend. Eine Stunde bei den Eltern“, sagte Elisabeth frei und ungezwungen, so ganz erfüllt von sich und ihrem Selbstrecht auf Genuß, daß auch diese Lüge wie die reine Wahrheit ihr von den Lippen ging. Prüfte dabei mit den Fingern ihre Brustspitzen, die noch rosig waren. Und fragte wieder: „Weshalb bekomme ich kein Kind?“ Sie wünschte, viele Kinder zu bekommen. „Und jetzt habe ich gebadet.“
„Gut unterhalten? Wie wars bei den Eltern?“, ‚Das übrigens soll mir nicht wieder passieren, daß ich zusammen mit solchen an Fäden gezogenen Hampelmännern so wohin gehe ... Alle Menschen werden an Fäden gezogen. Wer oder was ist es, das im Mittelpunkt des Lebens hockt und die Fäden zieht?‘ „Nun?“
„Immer das selbe! Der Vater sprach von Geld und von der Börse, von Geld, von der Börse ... Weißt du, es ist keine Luft mehr dort in der großen Wohnung. Er kann nichts greifen. Alle Gegenstände weichen zurück. Er langweilt sich fürchterlich, seitdem er sich vom Geschäft zurückgezogen hat. Sein Leben hat keinen Inhalt mehr.“
„Wie wir das letztemal zusammen dort waren, äußerte er doch, er möchte ein kleines Gut kaufen und es selbst bewirtschaften. ‚Natur, Natur, Gras, Rüben‘, sagte er. Weshalb tut er das nicht?“
„Papa würde auf dem Lande in acht Tagen vor Langeweile schwermütig werden. Und auch so wird er schwermütig. Für Bücher, Kunst, Musik, was unsereinem oft über leere Stunden hinweghilft, interessiert er sich nicht; davon trennt ihn sein ganzes Leben, das er auf der Börse zugebracht hat. Für Frauen ist er zu alt. Bleiben noch die Mahlzeiten. Aber er darf nur das wenigste essen. Bleibt die Langeweile. Ich sage dir, bald wird er wieder ins Geschäft kommen. Er hälts nicht aus.“
„Altgewordene amerikanische Kapitalisten, die sich in dieser Lage befinden, verstehen es, sich einen Lebensinhalt zu verschaffen: Sie werden moralisch. Was sie jedoch nicht hindert, ihr Vermögen auch weiterhin sehr geschickt und ertragreich zu verwalten!“ sagte ironisch lächelnd Jürgen.
Mit einem elastischen Ruck setzte Elisabeth sich aufrecht. „Vor ein paar Jahren war ich mit den Eltern in einem Sanatorium. Da war ein großer Arbeitshof. Die alten Herren Exporteure, Bankiers und Geheimräte, in Badekostüm, scheußlich fett oder abschreckend mager und behaart, solche Hängebäuche! mußten Holz sägen, Sand in Schubkarren schaufeln. Sie karrten ihn über den Hof in die andere Ecke, leerten ihn aus, schaufelten den selben Sand wieder ein, schafften ihn zurück. Aus, ein, hin, her! Immer den selben Sand! ... Schrecklich! Bei dieser Arbeit würde ich verrückt werden.“