„In China wurden Schwerverbrecher damit bestraft, daß sie derartige sinnlose Arbeiten verrichten mußten ... Viele, scheinbar ganz normal gewesene Bürger werden ja auch verrückt. Schwermütig und so! Wissen nichts mit sich anzufangen, treiben sich in Sanatorien und Nervenheilanstalten herum oder kehren, wie du sagst, ins Geschäft zurück und treten weiter die Geldmühle, bis sie an Arterienverkalkung sterben. Diese alten Verdiener! ... Das soll uns nicht passieren, wie?“

Er ließ sich vor der Ottomane auf ein Knie nieder. „Glaubst du“, fragte er, Blick in ihrem Blicke, langsam und lächelnd, „daß ich jetzt noch baden kann?“

Im Schlafzimmer hing über dem Doppelbett eine rote Ampel, auf der ein gläserner Amor kniete. Den Bogen hielt er noch in den Händchen. Den Glaspfeil – Richtung Liebespaar –, der bei brennender roter Ampel blauleuchtend geworden war, hatte Jürgen schon vor Jahren, gleich nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise, in der ersten Nacht abgebrochen. Es gäbe Grenzen.

Elisabeth lag schon im Bett, Hände unterm Kopf, als Jürgen aus dem Bade kam. Lächelnd so im Spiel des Lebens drehte sie die helleuchtende Nachttischlampe ab, lächelnd er die andere. Die Ampel glühte rot auf.

Was ist ein Jahr, wenn jeder Tag dem andern gleicht und das Leben ohne Härten ist ... Ein Tag nur! Ein unbewußter Atemzug! dachte Jürgen nach einem Jahre, das, ausgefüllt mit Arbeit im Bureau, mit Theaterbesuchen, Bilderkäufen, Mahlzeiten, roter Ampel, Bureau, im Fluge vergangen war. Die Zeit stand, so schnell verging sie. Das Vermögen wuchs. Jürgens Ansehen stieg.

„Du sitzt im Lehnstuhl oder liegst im Bett, und über Nacht bist du um soundso viel reicher geworden“, sagte Jürgen scherzend zur Tante, die antwortete: „Du erbst alles.“

Herr Wagner erschien wieder jeden Tag pünktlich im Bureau. Grund zum Klagen gab ihm sein Teilhaber schon lange nicht mehr. „Unser Schwieger ist ein braver, tüchtiger Mensch. Die Interessen des Hauses und der Kunden gehen ihm über alles“, konnte er oft zu seiner Frau sagen, die immer wieder erwähnte: „Aber, daß sie mit der Wohnungseinrichtung nicht zufrieden sind, das ist ... also das versteh ich nicht. Nun, wenn er nur wenigstens im Geschäft tüchtig ist.“

Und dies hatte sich wie von selbst gemacht. Allmählich und unversehens war das Leben zum Gleis geworden, auf dem Jürgen durch die Jahre rollte.

Er war bekannt als großzügiger Philantrop und Mäcen, hatte mit unfehlbarem Stilverstande schon eine ganze Anzahl Antiquitäten und Bilder gesammelt und sie einstweilen in einem unbewohnten Raum der Villa verwahrt, denn er wollte das alte Palais, das auf dem stillen, größten Platze der Stadt stand, erwerben und nach seinem Geschmacke einrichten.

„Einer sammelt, sein leeres Dasein auszufüllen, Pfennige, die älter sind, als er selbst, oder kostbare Werke alter oder hervorragende neuer Kunst, oder macht Bastelarbeiten, die im Laufe von Jahren ein faustgroßes Schweizerhäuschen mit Alm, Sennerinnen, Kühen und fensterlnden Burschen werden“, sagte er zu einem befreundeten Fabrikanten, der eine Riesenvilla voll alter, gotischer Holzplastiken besaß.