„Ja, mein Lieber, etwas muß der Mensch doch haben. Außerdem: ich kaufe billig“, rief der Fabrikant. „Dann machts Freude. Wer nicht aufs Geld sieht, der natürlich bekommt heutzutage eine tadellose Sammlung, ganz gleich welcher Art, auch fix und fertig ins Haus geliefert.“
„Einer macht Buddhas Wort ‚Geh an der Welt vorüber, es ist nichts‘, zu seiner Weltanschauung, und bleibt in seiner Prachtwohnung mit Bad, Warmwasser, Dampfheizung und allem Komfort. Ein anderer gibt, vielleicht gar um das Stimmchen zu beruhigen, Summen für Wohltätigkeitszwecke oder unterstützt begabte junge Künstler. Ich tue beides und sammle obendrein“, schloß er in Selbstironie.
Und wenige Monate später sagte er zu dem selben Fabrikanten: „Die Lebensauffassung des Bürgers ist folgende: Jeder tue seine Pflicht. Dadurch arbeitet jeder für jeden. Das greift ineinander. So entstehen Reichtum und Kultur des Landes, numerierte Häuser, in denen die Menschen leben, Küchen, Geschirr, Schränke voll Wäsche, asphaltierte Straßen, Schulen, Ruhe und Ordnung. Weil jeder seine Pflicht tut. Und Obdachlosenheime, Polizei, Gerichtshöfe und Zuchthäuser sind da für diejenigen, die ihre Pflicht nicht tun ... Schön. Mag sein, daß er recht hat. Unsereiner aber unterscheidet sich von denen, die geradezu platzen vor Selbstgerechtigkeit. Denn Wissen und Geist und Besitz verpflichten zu mehr.“
Und er legte die Hand auf die Krokodilledermappe, in der die Notizen zu seinem geplanten Werke ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ lagen. Nach dem Essen las er die Abendzeitung.
Seine Tage rückten auch weiterhin, gesichert und getragen von Gewohnheit und Achtung, ohne schmerzliche Ereignisse durch ihn durch und hinter ihn, wie eine verkehrsreiche Straße vorbeirollt und zurückbleibt.
Nur noch in den Träumen stand manchmal das vergewaltigte Ich auf, schrie seine grauenvolle Drohung, die nicht mehr bis in das neue Bewußtsein vordringen konnte. Die Entfernung war schon zu groß, und zwischen dem drohenden Ich und dem inneren Ohre Jürgens stand das Erleben vieler Jahre, das, zusammen mit der Millionenfältigkeit des unausgesetzten Strebens nach Erfolg, Genuß und Achtung, das neue Bewußtsein gebildet hatte. Ein fugenloser Schutzwall.
Das Ich drohte. Der Träumende stöhnte. Sah die graue Straße, auf der die Millionen dem Fabriktore der Welt zuschritten, grau und gespenstisch-lautlos. Sah den Gaskocher, neben dem Katharina steht, kaum bemerkbare Ironie im Blick. Und fleht sie an: „Laß deine Haare wieder wachsen. Was ist dir denn geschehen, sag, mir, was ist dir geschehen.“
Elisabeth blickte kopfschüttelnd das wildverzerrte Gesicht an, hinter dem das vergewaltigte Ich erfolglos um sein Dasein rang und Tränen durch die geschlossenen Lider schickte, weckte den Stöhnenden, der nicht mehr wußte, was er geträumt hatte.
Erleichtert aufatmend, lächelte er das Leben an, das neben ihm lag. Im Garten schrien die Vögel. Auch die tausend Tapetenvögelchen des sonnigen Schlafzimmers zwitscherten.
„Was bist du für ein Mensch, du lächelst mit Tränen in den Augen.“