Und Jürgen, wie er ihren duftenden Kopf sanft zu sich zog: „So ist das Leben: zum Lachen und zum Weinen in einem.“ Der Druck war ganz gewichen.
Nach dem Frühstück und dem Bade ging er in den Garten, sog genießend die warme, aromatische Luft ein, betrachtete über den Zaun weg des Nachbars frisch gegossene Salatbeete, die funkelnd unter der Sonne lagen, blieb vor jedem Rosenstämmchen stehen, freute sich über die kopfgroßen, farbigen Glaskugeln, die, von der Sonne getroffen, sein Gesicht daumengroß widerspiegelten, und bekam Lust, an der Wasserleitung weiterzuarbeiten, die anzulegen er vor einiger Zeit begonnen hatte, um seinen Garten mit einer Wasserkunst zu schmücken. Der Arzt hatte Jürgen körperliche Arbeit anempfohlen.
Das Graben und Schaufeln tat ihm wohl. Die zwölf auf Stangen steckenden Glaskugeln bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die Wasserkunst steigen sollte. Die Brunnenfigur, ein lebensgroßer Jüngling in Bronze, erworben von einem jungen, unterstützungsbedürftigen Bildhauer, kniete schon, Kopf geneigt, Hände im Rücken, als wäre er gefesselt, unter dem Schneeballenbusch.
Im Garten nebenan sang der Nachbar die Nationalhymne. Elisabeth, in leichtem Sommerkleide, sah vom Liegestuhl aus ihrem gesunden, starken Manne zu. Phinchen servierte Butterbrote auf dem Tisch unter dem Nußbaum, unter dem die Tante häkelnd gesessen hatte. Sie lag im Bett und konnte nicht sterben.
Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, die Zigarre im Munde, betrachtete Jürgen zufrieden seine Arbeit. „Nächstes Jahr werden auch wir ein Stück Nutzgarten anlegen: Gemüse- und Salatbeete, etwas Beerenobst. Körperliche Arbeit erhält gesund. Man muß vorbeugen, weißt du.“
Vögel huschten von Busch zu Busch. Die Amsel schnappte einen Wurm aus der frisch aufgeworfenen Erde, überquerte, nah dem Boden, den ganzen Garten und verschwand unter dem Schneeballenbusch.
Das Zwölfuhrläuten zahlreicher Kirchenglocken vereinigte sich über der Stadt, strahlte auseinander, hinaus zu den Gärten. Jürgen legte – wie im Bureau den Federhalter – pünktlich den Spaten aus der Hand. Nach dem Mittagessen schlief er. Die Zeitung war seiner Hand entfallen.
Saß dann am Schreibtisch vor der geöffneten Krokodilledermappe. Rechts stand eine Miniatur-Schillerbüste, geschmückt mit einem winzigen Lorbeerkranz, links der Tintenwischer – ein farbiges Tuchhähnchen mit Glasaugen – und in der Mitte das Tintenfaß: ein sich hochaufbäumender Bronzehirsch, auf dessen Geweih sieben Federhalter lagen. „Nun aber an die Arbeit!“ rief er und rieb die Hände.
In der Ferne ertönte eine Kindertrompete. Vorsichtig nahm er den eheringgroßen Lorbeerkranz vom Haupte Schillers herunter, betrachtete ihn genau, schob ihn auf seinen Finger, streckte sich, daß der Körper knackte und der Mund ein eigroßes Loch wurde, ergriff wieder den Federhalter und sah hinaus, wo der Sonntagnachmittag stand, der, zerteilt in Billionen Teilchen, durch das Fenster und durch alle Ritzen und Wände hereindrang.
„Sogar die Sonne scheint anders als an Werktagen, und alle Geräusche haben einen anderen Klang. Einen ekelhaften Klang! Unerträglich! Man ist wehrlos ... Da stehe ich also sozusagen auf der Höhe des Lebens, habe keine Sorgen, keine Schmerzen, und weiß nichts anzufangen mit dieser Höhe ... Sogar die Spatzen zwitschern Sonntags anders als in der Woche“, sagte, dunklen Druck in der Brust, Jürgen und öffnete ein Buch, legte es wieder weg, ergriff den Federhalter. Plötzlich glaubte er, deutlich gesehen zu haben, daß das Tintenfaß höhnisch gelächelt hatte. „Unsinn!“ rief er zornig sich selbst zu.