Die Zauntür drückte die beiden hinaus. Jürgen sah zurück in den gepflegten Garten, betrachtete das glänzende Messingschild, auf dem nur ‚Kolbenreiher‘ stand, und zog den Hut vor der Tante, die, starr blickend, wie ein altes Bild im Fensterrahmen schwebte.

Nachdem die Akrobatin von dem zehn Meter und von dem fünfzehn Meter hohen Standplatze aus gesprungen und wieder am Seil emporgezogen worden war zu dem sechsundzwanzig Meter hohen Standplatz dicht unter der Zirkuskuppel, von der aus gesehen die Manege einem am Boden liegenden Kinderreifen und das Bassin einem schwarzen Bleistiftstrich glichen, erklärte Jürgen ausführlich, jetzt liege die Gefahr sogar noch weniger darin, das schmale Bassin zu verfehlen, als vielmehr darin, daß das Mädchen sich durch die gewaltige Wucht des Sturzes den Kopf auf dem Grunde des Bassins zerschellen müsse, wenn sie nicht, im Wasser angelangt, im entscheidenden Bruchteil der Sekunde blitzschnell die Drehung zurück zur Wasseroberfläche ausführe.

Die Musik schwieg. Das Publikum verstummte. Die Akrobatin blickte hinunter auf den Bleistiftstrich, in den hinein sie sich stürzen mußte, breitete die Arme aus. Frauen sahen weg. Auch Elisabeth sah weg.

„Langweilig ist das nicht. Du siehst, sogar ein Sonntagnachmittag kann ausgefüllt werden“, sagte Jürgen,

während die Tante mit einer ihr ganz fremden Bangigkeit die Bibel aufschlug und Sätze las, die, vor grauen Zeiten ersonnen, oft von ihr gelesen, gehört, ausgesprochen und gesungen, ihr auch jetzt nichts sagten. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, litt unter der Angstbeklemmung, daß dann alle sie betrachten würden und sie vielleicht ein ganz anderes Gesicht haben werde als sie habe.

Und während der Mädchenkörper in der Luft eine weiche Drehung machte und, Kopf voran, Hände wie betend zusammengelegt, gleich einem bleiernen Fische an der obersten Galerie und an der erhöht sitzenden Musikkapelle vorbei senkrecht in die Tiefe stürzte, dem schwarzen Strich und dem rapid größer werdenden Sägmehlkreis in verzehnfachter Schnelligkeit entgegen, blickte die Tante noch einmal auf das breit vor ihr liegende Land hinaus, das in der Ferne schon von der rötlichen Dämmerung genommen wurde, und schaukelte plötzlich in sich zusammen.

„Die hocken immer zuhause, die Alten. Sicher würden auch sie sich hier unterhalten und zerstreuen“, sagte Jürgen in den Beifallssturm hinein, während die Tante, unveränderten Gesichtes, bewußtlos auf dem Boden lag.

Der Arzt wurde geholt, machte einen Aderlaß. Die Tante erholte sich. Um zehn Uhr lagen alle drei im Bett. Elisabeth stand noch einmal auf, ein frisches Nachthemd anzuziehen. Und als sie aus dem alten herausgestiegen und in das frische noch nicht hineingeschlüpft war, ließ Jürgen, an die Gewohnheit gespannt wie ein Pferd an die Droschke, die rote Ampel aufleuchten.

Am andern Tage, einige Stunden vor ihrem Ableben, bekam die Tante noch Besuch. Auf dem Tablett lagen schon siebenundzwanzig Orangen. Atembenommen, schon schwarz beschattet vom Tode, hatte die Tante hocherfreut für die Früchte gedankt.

Auf fünf Uhr war der Geistliche mit den Ministranten bestellt, die letzte Ölung zu erteilen. Die Sterbende überwand ihre tödliche Schwäche und richtete sich noch einmal auf im Bett. „Vielleicht spreche ich jetzt das letztemal mit dir, Jürgen.“