„Du stirbst nicht, Tante, Unsinn!“

„... letztemal mit dir. Ich habe immer meine Pflicht getan. An dir, Jürgen, und überhaupt. Vor allem an dir! Du bist ein geachteter Mann geworden. Das hast du zum Teil auch mir zu verdanken. Weißt du noch, wie das kam? ... Ein sehr geachteter Mann!“

Alles Blut verließ Jürgens Gesicht. Sie bemerkte seine Blässe und Verwirrung nicht, schilderte, mühsam stammelnd, wo er hingekommen wäre, wenn er das, was er Opferbereitschaft und Hingabe genannt habe, weiter verfolgt hätte. „So aber kann ich ruhig sterben.“

Jürgen hörte nichts mehr. Sie zog seinen Kopf neben sich auf das Kissen, nahm ihm das Wort ab, daß er auf dem eingeschlagenen Wege weitergehen werde. „Merke dir: was man einem Sterbenden in die Hand verspricht, muß man halten.“

Jürgen wußte nicht, was er versprochen hatte. Vergangenheit und Gegenwart stürzten ineinander. Er hörte auch nicht, daß die Tante von ihren bisher verheimlichten Aktien sprach.

„Diese Wertpapiere darfst du nur dann verkaufen, wenn mein Bankier dazu rät. Vor allem: Lasse die Hypotheken auf den großen Häusern stehen! Und lasse nicht so viel herrichten! Reparaturen und Handwerker kosten Geld.“

„Da muß ich ja Hypothekenzinsen bezahlen“, sagte Jürgens Mund vom Kissen weg.

Ihre Hand blieb auf seinem Kopfe. „Aber die Grundbesitzsteuer ist viel höher als die Zinsen, die man für Hypotheken bezahlen muß. Deshalb belastet man ein Haus so hoch wie möglich mit Hypotheken“, erklärte sie, unterbrochen von Atemnot, „legt das Geld in Wertpapieren an und bezahlt mit den Zinsen die Hypothekenzinsen. Dafür hat man keine Grundbesitzsteuer zu zahlen, weil einem die Häuser gar nicht gehören.“

„Unsere Häuser gehören mir nicht?“

„Nur scheinbar nicht! Man besitzt sie nur scheinbar nicht.“ Sie konnte vor Schwäche nicht mehr sprechen.