Die Flurglocke hatte geläutet. Weihrauchduft drang ins Zimmer. Jürgen wollte die Tante beruhigen, war aber so verwirrt, daß er sagte: „Also mit den Zinsen von den Wertpapieren bezahle ich die Grundbesitzsteuer.“
„Nein, die Hypothekenzinsen!“
„Aber es gibt doch viel bessere Kapitalsanlagen. Weshalb soll ich denn ...“
„Laß dirs von meinem Rechtsanwalt erklären.“
„... soll ich denn unbedingt Hypotheken aufnehmen, wenn ich Geld und Wertpapiere besitze, die viel besser ...“
„Rechtsanwalt“, flüsterte die Tante.
Der Geistliche und die Ministranten traten ein. Das Weihrauchfaß überquerte dreimal das Bett. „Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.“
Die ganze Villa roch noch nach Weihrauch, als Jürgen, im Gehrock und schwarz behandschuht, von der Beerdigung zurückkam. Das weiße Taschentuch in der einen, den Zylinder in der rechten Hand, so am Rande gefaßt, daß er einen Gummiball hätte auffangen können, stand er im Sterbezimmer.
Auch eine Woche später, nachdem ihm vom Rechtsanwalt schon eröffnet worden war, daß die Tante das dreifache an erwartetem Barvermögen hinterlassen hatte, stand noch ein schwacher Weihrauchduft in den Zimmern und erinnerte Jürgen an des Vaters Todestag, an die Seelennot, Unsicherheit, an die Kämpfe der Jugend, auf die er, stehend nun auf dem festen, breiten, gefahrlosen Boden der Gegenwart, lächelnd zurückblickte.
Da unten taumelt ein empfindsamer Jüngling umher, getroffen von einem Worte, in Verzweiflung und Leid versetzt durch einen Blick. In ununterbrochene Qualen gestellt durch das Leben, wie es ist. Durch eine jugendliche Sehnsucht nach unerfüllbaren Idealen und nach der Wahrheit, die es nicht gibt, streift den Jüngling sogar öfters der Tod ... Hier sitzt der Mann im Sessel. In Sicherheit. Unverwundbar. Und nicht eine Sekunde der Gegenwart wird ihm, wie früher, vergällt und gestohlen von der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.