‚Und sogar aus dem Sozialismus, aus dieser grauen Sackgasse, in der ich vier Jahre steckte, habe ich wieder herausgefunden ... Jetzt wenn der Vater mich sehen könnte, er würde nicht mehr sagen: Na, du schmähliches Etwas!‘

An dem großen Gesellschaftsabend des Herrn Papierfabrikanten Hommes, der ersten Festlichkeit, die Jürgen nach dem ereignislos vergangenen Trauerjahr besuchte, ließ ein früherer Mitschüler, der als naturalisierter Engländer zwanzig Jahre ununterbrochen in den englischen Kolonien gelebt und eine große Baumwollexportfirma gegründet hatte, sich dem Bankier Jürgen Kolbenreiher vorstellen, der auch auf diesem Feste für viele der Mittelpunkt war.

„Wie erging es Ihrem Herrn Bruder? Ich habe nämlich zusammen mit Ihrem Herrn Bruder das hiesige Gymnasium besucht ... Verzeihung, ich weiß ja nichts. Bin ja ohne jeden Kontakt gewesen“, setzte der Engländer sofort hinzu, als er Jürgens betroffen fragenden Blick bemerkte, und entschuldigte sich, da er durch seine Frage offenbar eine schmerzliche Erinnerung wachgerufen habe.

Jürgen hob die Schulter. Seine Augen suchten. „Ich habe keinen Bruder.“

Aber solch einen Streich könne sein Gedächtnis ihm doch nicht spielen; er sei ja jahrelang mit einem Mitschüler Kolbenreiher in dem selben Klassenzimmer gesessen. „Ich sehe ihn heute noch leibhaftig vor mir. Ein schwärmerischer Jüngling, höchst eigenartig! Ein liebenswerter, ein sehr gefährdeter Mensch, dachte ich noch oft in späteren Jahren ... Er war also nicht Ihr Bruder? Offenbar eine Namensgleichheit!“

Die glänzenden Toiletten, der Kronleuchter, Streichquartett, Champagnertischchen schwankten. Jürgens Gesicht fiel ein, war grau geworden. „Habe ich mich denn so verändert, so furchtbar verändert, daß Sie in mir ... in mir jenen gar nicht mehr zu erkennen vermögen?“

„Also Sie selbst!“ rief, freudig erstaunt, der Engländer. „Das hätte ich, das allerdings hätte ich nie vermutet. Ich gratuliere, gratuliere wirklich von Herzen ... Wie man sich irren kann! Ich habe nämlich gedacht – in den Kolonien ist unsereiner ja recht einsam und denkt viel an die Jugendzeit zurück – habe oft gedacht, dieser Mensch wird entweder ein ganz abseitiges Leben führen, vielleicht auch irgendeine große Tat vollbringen, wenn die Situation das zuläßt – im Krieg und so – oder er wird zugrunde gehen. Und nun – wie ich mich freue! ... Übrigens nur ein Beweis mehr dafür, wie sehr die Menschen, alle Menschen, sich mit den Jahren verändern, sich innerlich sozusagen festigen!“

An diesem Abend betrank Jürgen sich so, daß er in das Fremdenzimmer des Herrn Hommes gebracht werden und Elisabeth allein nachhause fahren mußte. Nach einer mehrwöchigen Reise, ziellos in Europa umher, saß er wieder im Direktionsbureau. Im Nebenraum unterhielten sich zwei Bankbeamte.

Vor einem Jahre sei er an den Alimenten noch unverhofft vorbeigekommen. Das Kind sei gestorben. Aber kürzlich sei sein Mädchen wieder Mutter geworden.

Auch Elisabeth war schwanger. Jürgen freute sich auf das Kind, stellte sich vor, wie es aussehen, ob es ihm oder ihr gleichen werde. Blauäugig? Oder braun? dachte er. Und horchte auf die Worte des Beamten, der seinem Kollegen genau vorrechnete, wie wenig ihm von seinem Gehalte bleiben werde, nach Abzug der Alimente. „Das halte ich nicht aus.“