Gewandt schlüpfte der Beamte in sein elegantes Mäntelchen. „Heute feiere ich Abschied von der Jugend. Ich heirate. Sie hat nichts, ich habe nichts. Sechs versilberte Kaffeelöffel sind der Grundstein unseres Glückes.“
Er steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch. „Extra für heute gekauft. Leichtsinnig, was? ... Vor diesem Glück habe ich jetzt schon Angst. Du schläfst Nacht für Nacht neben und mit deiner Frau. Immer mit der selben! Du siehst sie halb angezogen, unfrisiert, im Schlafrock – wenn sie einen hat –, ißt mit ihr, sprichst mit ihr. Und nicht nur von Veilchen und Tanz, mein Lieber! Das Prickelnde ist bald dahin. In jeder Ehe! Man gewöhnt sich. Dann liebt man eben außerhalb herum, wie? ... Aber kann denn ich mir das leisten, bei meinem Gehalt? Du mußt Blumen kaufen, die Zeche bezahlen. Am Ende bestellt sie sich auch noch etwas zu essen. Das kostet dann ein Heidengeld ... Unserem Chef natürlich, dem jungen Chef mit der gespickten Brieftasche und dem Scheckbuch, dem kann die Gewohnheit nichts anhaben. Der kann sich jede kaufen. Unsereiner aber muß, wenn er heiratet, glatt Abschied nehmen von der Jugend.“
Mir also, meint er, kann die Gewohnheit nichts anhaben, dachte Jürgen noch in der Straßenbahn, suchte zuhause Elisabeth in allen Räumen und fand sie endlich im Schlafzimmer, wo sie erblaßt auf dem Bettrand saß. Ihr Leib stand stark vor.
Tagelang schrie Elisabeth in Schmerzen, schrie die lange Nacht durch, in den trüben Morgen hinein, bis der Arzt sie von einer toten Frühgeburt entbunden hatte.
Die blutigen Messer und Geburtszangen lagen noch auf dem Tisch. Der schweißtriefende. Arzt wollte ein letztes Mittel anwenden, die Entbundene zu retten, da stieß sie ihn weg von ihrem zerrissenen Leib. Ein neuer Blutstrom schoß ins Bett. Der Arzt breitete ein Tuch über die verwüstete Tote und ließ die Arme sinken, ging hinaus in den herbstlichen Garten zu Jürgen. Der Himmel hing voll Regen. Der Garten war naß, die Luft kalt.
Einige Tage später – Elisabeth war schon begraben, Jürgen umwickelte Rosenstämmchen mit Stroh – sagte er leise vor sich hin: „Das Geld ist mir doch sicher ganz gleichgültig. Wie kam ich nur auf diesen abscheulichen Gedanken?“
Der Gedanke war, flüchtiger als ein Vogel, der den Blick schneidet, gleichzeitig mit anderen Gedanken aufgetaucht und wieder verschwunden. ‚Da das Kind tot ist, fällt die Mitgift mir zu.‘
‚Ein böser Gedanke. Enthält aber eine juristisch einwandfreie Tatsache ... Kein Mensch hat die Macht, das Entstehen eines Gedankens zu erzwingen oder zu verhindern.‘ Er sah empor zur beschädigten Dachrinne, von der dicke Tropfen schnell hintereinander herunterfielen, immer auf die selbe Stelle, wie damals im Rattenhof. Hing die Bastfäden über einen Ast und rief Phinchen zu, sie müsse den Spengler holen. „Die Dachrinne ist leck. Siehst du, dort oben.“
Jahrelang trug Jürgen sich mit dem Gedanken, wieder zu heiraten. Auch der Schwiegervater redete ihm zu, nannte sogar einige Töchter vornehmer Familien. Er solle endlich das Palais kaufen, hübsch einrichten. Repräsentieren.
„Ich finde aber“, sagte Jürgen lachend zu Phinchen, „faktisch nicht die Zeit, eine Frau zu lieben.“ Kundenkreis und Finanzaktionen des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher vermehrten und vergrößerten sich in immer schneller werdendem Tempo.