Jürgen verkehrte in Familien, wo nur von Geld gesprochen wurde. Und in Familien, die so reich geworden waren, daß es schon wieder für unvornehm galt, von Geld zu sprechen, anstatt von Humanität und Wohltätigkeit, Kunst, Mystik, Kultur und Goethe. Hohe Räume, stilvoll, von erlesenstem Geschmacke. Wertvolle Gemälde, märchenhafte Bedienung. Junge Künstler, die unterstützt wurden. Geistvolle Gespräche. Und Beklemmung für die Gäste, die noch nicht so reich waren.

Zu diesen gehörte der Berliner Bankier Leo Seidel nicht; seine Worte wurden an dem Herrenabend, den Jürgen zu Ehren seines für wenige Tage in die Heimatstadt zurückgekehrten früheren Mitschülers gab, von den Börsianern ebenso vorsichtig gewogen und auf Fallen untersucht, wie die des reichen, leberkranken Hütten- und Walzwerkbesitzers auf Jürgens Hochzeit gewendet und gewogen worden waren.

Der noch nicht vierzigjährige Seidel, tadellos unauffällig gekleidet, sah viel älter aus, und als könne er von nun an nicht mehr älter werden. Es schien, als sei das winzige sommersprossige Dreieck mit dem erreichten Ziele von nun an stationär.

Seidel, im Ziele sitzend, sichtlich uninteressiert an den Meinungen dieser von ihm weit überholten Fabrikanten und Bankleute, die einzuholen vor zwanzig Jahren sein größter Ehrgeiz gewesen war, zeigte nicht, daß diese Stunden für ihn nur ein Opfer an Zeit bedeuteten, und sprach dennoch nicht einen Satz mehr, als die Höflichkeit gebot.

Er entsann sich, daß er vor zehn Jahren, erst auf dem Wege zum Ziel, erfüllt von altem Hasse gegen diese vornehmen Bürgerfamilien, noch Befriedigung gefunden hatte in der Vorstellung, daß er, der gedemütigte Briefträgerssohn, sich eine dieser Töchter seiner Heimatstadt zur Frau wählen werde.

Mit dem Erreichen des Zieles war dieser Haß vergangen und Interesselosigkeit entstanden. Außerdem hatte er, wie Jürgen, längst die Erfahrung gemacht, daß jede verheiratete Frau dieser Kreise zu gewinnen war, wenn auch nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt.

In Pensionen ging auch Jürgen, obwohl er seit Jahren verwitwet war, nicht mehr. „Diese Mädchen sind entweder arme Tierchen, nur auf Geld aus, also erotisch an uns völlig uninteressiert, folglich langweilig; oder sentimentale Unschuldslämmer, verglichen mit unseren Damen der Gesellschaft, die voller Nervenraffinements und zu allem imstande sind“, hatte er auf Adolf Sinsheimers wiederholte Bitte, wieder einmal mit in den orientalischen Salon zu gehen, geantwortet.

Nach dem Mahle standen Jürgen und Seidel, in der Hand die Mokkatassen, abseits, zwischen sich die hohe Standuhr, deren Ticken das Gespräch für die noch an der langen Tafel sitzenden Börsianer unverständlich machte, und Seidel nannte kurz den Grund seines Hierseins. Er sei gezwungen, den schon eingeleiteten Zusammenschluß einiger großer Bankinstitute zu paralysieren: seinerseits einen großen Finanzkonzern zu organisieren.

Jürgen hatte einige Male genickt. „Ich selbst erwäge schon seit geraumer Zeit diesen Plan, habe auch schon vorgearbeitet. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der betreffenden Werte ist schon in meinen Händen.“ Er sah seine Gäste an, sah Leo Seidel an. „Man wird reicher und reicher ... Wozu?“

„Man muß die Urprodukte, die Erdschätze, in die Hand bekommen. Die Kohle! Wer sie hat, kontrolliert schließlich die ganze Produktion.“