„Es sind ja Erfindungen gemacht worden“, sagte Seidel und schrieb und las dabei weiter in seinem Notizbuch. „Die Fabrikleitung hat diese Erfindungen auch erworben. Aber die Konstruktion und Erhaltung dieser Schutzapparatur würde riesige Summen verschlingen. Auch wertvolle Nebenprodukte und Abgase würden durch die Einschaltung dieser Schutzapparate verlorengehen.“

„Nein, nein, uns fehlt nichts“, antwortete Herr Wagner beruhigend auf Jürgens Frage. Und zu Herrn Hommes: „Womit? Das mußt du dir von ihm selber verraten lassen. Ich sag nur: er hat verdient.“

„Daß die Leute diese unheimliche Krankheit bekommen, weil Schutzapparate nicht in Betrieb gesetzt werden, ist ein bißchen drückend für denjenigen, der die Aktien besitzt und die Dividenden bezieht.“

Seidel zeigte sein flüchtiges Lächeln. „Möchtest du zusammen mit mir wieder einen Bund der Empörer gründen? ... Noch eine Sekunde!“ bat er und zog Jürgen wieder neben die Standuhr. „Weshalb ich außerdem hierhergekommen bin. Kannst mir vielleicht einen Rat geben. Ich möchte – es leben ja auch noch viele Leute hier, die meine Eltern gekannt haben; aber auch sonst! – ich möchte eine Stiftung machen. Säuglingsheim, Krankenhaus oder ein Kunstmuseum. Meiner Heimatstadt, weißt du!“

Jürgen griff sofort mit beiden Händen rückwärts nach dem Rauchtischchen; dennoch fiel er, beinschwach geworden vor eruptivem Lachen, in den Sessel. Er hielt die Hand hoch, Zeigefinger und Daumen zusammengepreßt, als ob er ein Ungeziefer gefangen hätte. „Ein Krankenhaus für ... für die Heimatstadt!“

Hände an die Seitenlehnen angeklammert, Oberkörper zurückgeworfen, starrte er, durchschüttert von Lachen, atembenommen Leo Seidel an, dessen Gesicht so weiß geworden war, daß die alten Sommersprossen stärker hervortraten, wie damals, da er Jürgen das Nähtischchen seiner Mutter zum Aufbewahren übergeben und gesagt hatte: „Zweifellos wird die ganze Bande auf den Jahrmarkt kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen.“

„Und obendrein ist das auch die Antwort. Das ganze Systemchen ist steril geworden. Wie die Arbeiterinnen, die nicht mehr gebären können ... Für die Heimatstadt!“ Des Lachenden zuckende Schulter stieß an die Standuhr, die metallisch tönte.

An der Tafel erklang vielstimmiges, speckiges Gemecker. Sechzehn rote Gesichter drehten sich den beiden zu. Sechzehn Paar Augen fragten. Und Herr Hommes rief: „Wir wollen ihn auch hören.“

„Gut, du stiftest ein Säuglingsheim für die Kinder, die von den Arbeiterinnen nicht geboren werden können, ich ein Krankenhaus für diejenigen, die gestorben sind, weil sie die teueren Arzneimittel nicht bezahlen konnten, und zusammen stiften wir ein Kunstmuseum, von wegen der Kultur.“

Seine linke Gesichtshälfte lachte noch. Er hakte ein, zog ihn zur Tafel. Dort legte er die Hand auf Seidels Schulter. „Soeben sagte mir Herr Leo Seidel, der bekanntlich ein Kind unserer Stadt ist, daß er seiner Heimatgemeinde ein mit allen hygienischen Errungenschaften eingerichtetes Säuglingsheim in beliebiger Größe stiften wird ... Aus ... aus Anhänglichkeit.“