Da sah er nichts Gegenständliches mehr, keine Augen; er sah einen Blick, nicht von Augen entsandt. Nur den Blick selbst, der unversehens zu dem ernsten Blicke des Jünglingsbildes in der Abonnementskarte wurde und, vergehend, weit zurückwich.
Heiß durchzogen und atembenommen starrte er dem vergehenden, ergreifend ernsten Blicke nach, beobachtete, Zähne gefletscht und Kopf seitwärts gedreht, wie der Blick sich in das Herrchen verwandelte, das sich so schnell erhob, daß der Löschblattbügel schaukelte.
„Das war mein erster offizieller Besuch.“ Es blickte auf die Bureauuhr. „Fünf Minuten vor zwölf.“ (Der Verheiratete nahm schon die Schutzärmel ab). „Existenzen Ihresgleichen gibt es in dieser Sekunde auf der Erde ...“ Das Herrchen nannte eine Zahl, die riesengroß und winzig klein in einem war und wie ein anklagendes Wort klang, gesprochen in der Nachtstille.
„Sie sind in allen Schichten und Lagern zu finden. Ich besuche sie alle. Jeden zu seiner Zeit. Es sind Universitätsprofessoren darunter, die als Studenten noch die Bereitschaft zur Hingabe in den Augen trugen. Industrielle, die als Jünglinge Gedichte gemacht haben. Hohe Geistliche, die in das falsche Christentum reisten. Dichter, die um des Erfolges und des Ruhmes willen von dem Protest und der Gesinnung weg in den Erfolg und Ruhm und immer tiefer in das Publikum hineinreisten. Männer, die sich der Wissenschaft hingegeben hatten und aus ihr später ein Geschäft machten, ein Namensschild mit Titel, angeschlagen an der Haustür. Und Existenzen Ihresgleichen, die Sozialisten waren und Bürger wurden. Verruchte Existenzen! Denn sie konnten, kraft naturverliehener Kraft, sich durch das heucheleidurchwirkte, blutnasse, dicke, dichte Dickicht dieses Jahrhunderts durchschlagen zu dem Bewußtsein, daß die im Zeichen befreiter Arbeit stehende menschliche Gemeinschaft, in der die Seele ihr Ich durch den Körper gewinnen und im Gleichgewicht in sich selber ruhen kann, erkämpft werden muß, sollen die lebenden und kommenden Generationen bewahrt bleiben vor Krieg und Hungerbarbarei, dem Wahnsinn, vor dem großen Tode!“
‚Ich muß mir das Ganze notieren, so kann ich es nicht behalten‘. „... Unmöglich! Unmöglich!“ rief er, ohne den Blick vom Stenogrammblock zu erheben, die Linke abwehrend ausgestreckt, dem Prokuristen zu, der einen Stoß Papiere in den Händen hielt, erstaunt sich die Lippen leckte und, auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, wieder verschwand.
„Jeden zu seiner Zeit. Einmal bin ich ein Herbsttag, ein welkes Blatt, das vom Baume fällt und bei einem ruhmverkalkten Dichter plötzlich die Frage auslöst: Habe ich alles verraten, was in der Jugend mir teuer war? Die Frage, die zugleich die Antwort und der Beweis ist. Manchmal schreite ich in ein Buch hinein, werde zu einem Satze, der in dem Lesenden blitzhaft die Gewissensfrage auslöst. Manchmal bin ich ein Traum. (Wie bei Ihnen zum Beispiel. Auch kann ich der Umbau eines Bankgebäudes sein).“
Oder ein Engländer, der fragt: Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? dachte Jürgen und stenographierte auch diese Erinnerung.
„Ich bin ein zwanzigjähriges Mädchen, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihre Verachtung in dem Abtrünnigen die Sekunde aufreißt, in der er den tragischen Rückblick tun muß. Manchmal werde ich durch einen Ton in grauer, leerer Stunde zur Gewissensfrage. Durch den Ton einer Kindertrompete! Ich bin ein regnerischer Tag, verhindere einen Ausflug in den Genuß und werde so zum Tage des Versinkens in den Ekel vor sich selbst. Oft bin ich ein Sonntagnachmittag. Ich werde als Bild an der Wand zur Gewissensfrage und als Spaziergang in menschenleerer Landschaft, wo es keine Läden gibt. Ich steige als Weinrausch in das Herz eines Satten, und er sinkt in die Selbsterkenntnis hinein. Es kann einer seinen Teppich ansehen und plötzlich aus dem Muster, das ich bin, die Gewissensfrage herauslesen, grauenvoll deutlich. Manchem wird der Rückblick zum Konflikt, der ihn ins Irrenhaus bringt.“
Das Herrchen deutete: „Das ist Ihr Fall.“
Jürgen schauerte im Rückenmark.