„Andere glauben, sich in Selbstgerechtigkeit hineinretten zu können. Viele ertrinken völlig in ihr und erleiden die Strafe erst in spätem Alter, wenn sie eines Tages, veranlaßt durch mich, die Nichtigkeit ihres Lebens einsehen müssen und, entsetzt über ihr verdrecktes, mit Achtung, Gemeinheit, Lüge, Erfolg, Ruhm und Selbstgerechtigkeit poliertes Dasein, an einer Kugel, an einem Stricke oder an Ekel vor sich selbst sterben. Auch die feinste Selbstbelügung schützt den Verräter nicht. Keiner kann in Selbstgerechtigkeit sein Leben beschließen. Dies vermögen nur diejenigen, die schon als wehrlose Kinder ganz entselbstet, enticht, entseelt werden konnten, sich der Umwelt anpaßten und dafür das Leben, wie es ist, eintauschten, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Kraft hatten, sich das Kostbarste und Leidvollste auf Erden zu erkämpfen: das Bewußtsein.“
„Wer vermöchte zu entscheiden, ob stärker als die Verhältnisse und größer als meine Begierden die Kraft in mir war, weiter zu kämpfen! Was ist der Beweis meines Verrates?“
„Wer fragen muß: Bin ich ein Verräter, der ist es; Ihrem Schwiegervater fällt dies gar nicht ein. Die Frage enthält schon die Antwort und den Beweis des Verrates.“
Diese Worte trafen ihn mit solcher Beweiskraft, daß er minutenlang die Fähigkeit, zu denken, vollkommen verlor. Auch das Klopfen im Hinterkopfe hatte geendet.
Die Bureauuhr schlug zwölf. Die drei Beamtenoberkörper richteten sich auf. Drei Federhalter wurden weggelegt.
Auch Jürgen legte den Federhalter weg, richtete sich auf. Vor seinen Augen schwebten rundum und durcheinander blitzweiße, goldumränderte Sternchen, als ob er mit dem Kopfe nach unten aufgehängt gewesen wäre. Eine Fliege glitt auf weißem Papier schnell vom Tintenfaß zum Löschblattbügel.
„Wieviel Beine hat eigentlich eine Fliege? Vier oder sechs? ... Da wurde ich zweiundvierzig Jahre alt und weiß nicht, wieviel Beine eine Fliege hat. Was bin ich doch für ein Dummkopf! Sitze da und grüble seit Stunden über diesen Unsinn nach. Kann mir doch vollkommen gleichgültig sein“, sagte er und horchte befreit auf den stärker gewordenen Straßenlärm, den die dem Suppenteller Zueilenden verursachten. Die Glocken der Trambahnen läuteten stärker.
„Es muß ja nicht gleich morgen sein, aber bei Gelegenheit sollten Sie sich einmal neu photographieren lassen. Sie sind zu verändert“, sagte freundlich der Schaffner und gab die Abonnementkarte zurück. „Das hier ist ein junger Mensch, während Sie doch schon in die besten Mannesjahre kommen.“
Der grauhaarige Bürger, der neben Jürgen saß, schob den zusammengerollten Fahrschein unter den Ehering.
Ja, die liegen Gott sei Dank noch vor mir ... Kann mich ja photographieren lassen, bei Gelegenheit, dachte er, stieg aus. Und ging, im selben Tempo wie jeden Tag, die zweihundert Schritte bis zur Villa. Summend durch den Garten, auf die farbigen Glaskugeln zu.