Ohne die photographierte Frage an das Leben aus den Augen zu lassen, legte er den Kopf langsam und sanft auf das Kissen, schlief ein. Und im Schlafe war nichts auf der Welt, als seine Augen und die zwei photographierten Augen. Die Blicke der zwei Augenpaare trafen sich stundenlang, bis dieses lautlose Sichtreffen der Blicke Jürgen aus dem Schlafe hob.
Die brennende Kerze in der Hand, schlich er ins Wohnzimmer, vor das Bild hin. „Und wenn ich nun“, sagte er und nahm das Bild aus dem Rahmen, „mich in den Rahmen stelle?“
Das Nachthemd reichte bis zu den behaarten Waden. Eine Weile blieb er vollkommen reglos im Rahmen stehen und starrte wild auf den gegenüberstehenden Jüngling.
Dessen ernster, vergangenheitsferner Blick zwang Jürgen, wieder aus dem Rahmen herauszutreten. Überwältigt von der Unerbittlichkeit des Jünglingsblickes, brach er vor dem Bilde in die Knie. „In dir lebt das ewig unverrückbare Ziel.“
Die Kerze in der einen, die Photographie in der andern Hand, stieg er hinauf in das Zimmerchen, das er als Jüngling bewohnt hatte, lehnte das Bild an die Wand. Und als er den Türdrücker gefaßt hatte und fortgehen wollte, stieg aus den seit Jahren verschütteten Gefühlen ein Strom von Hilfsbereitschaft auf. „Kannst nicht immer stehen. Kannst nicht dein Lebenlang stehen.“
Er knickte das lebensgroße Bild in der Rumpfmitte ab, nach vorne, daß es einen rechten Winkel bildete, dann bei den Knien nach rückwärts und setzte die Photographie auf das Kanapee.
Tränennaß und fassungslos schluchzend kam er im Schlafzimmer an. Und hatte, wie er stöhnend und wimmernd in das Kopfkissen hineinklagte, das von Hoffnungslosigkeit durchbebte Gefühl, lebenslänglich getrennt zu sein von sich, von seiner Jugend, die im modrigen Studentenzimmer auf dem Kanapee saß.
Andern Tages wollte er auf der Straße schon den Hut ziehen vor Herrn Fabrikbesitzer Hommes, der grußlos vorüberschritt. Jürgen blieb stehen, Hand auf dem tobenden Herzen. „Sieht er – sieht man mich nicht? Bin ich unsichtbar? ... Ich bin doch aus Fleisch und Knochen, habe Augen, Stirn, Hände.“ Er umfaßte sein Handgelenk, wollte sich überzeugen, preßte das Gelenk.
Da öffnete sich sein Mund in grenzenlosem Entsetzen: die umfassende Hand war zur Faust geworden: kein Handgelenk war in ihr. Noch einmal umfaßte er das Handgelenk. Wieder wurde die Hand zur Faust.
„Nicht mehr vorhanden?“ fragte er, hob die Augenbrauen. „Überhaupt nicht mehr?“ Er pfiff bedeutsam. „Jürgen Kolbenreiher ist also überhaupt nicht mehr da. Ist einfach weg? Ist Luft? Und das nicht einmal? Ein glattes Nichts?“