Und als das entsetzte Mädchen den Diener wieder in das Zimmer führte: „Besorgen Sie mir einen Reisepaß. Aber auf den Namen Jürgen Kolbenreiher!“ Er zwinkerte schlau. „Wenn Sie sich geschickt anstellen, merkts vielleicht niemand, daß nicht ich selbst es bin.“
„Das ist gar nicht schwer“, sagte der Diener und ging. Phinchen weinte.
„Im Gegenteil! Sehr schwer! Man kann es ertragen, sein Vermögen zu verlieren, aber sich selbst zu verlieren erträgt kein Mensch.“
„Das ertragen die andern großartig; aber, zum Beispiel, das Vermögen zu verlieren, ertragen sie nicht. Und aus diesem einfachen und unheimlichen Grunde ertragen sie es so leicht, sich selbst zu verlieren. Die sind nicht vorhanden und haben davon nicht die leiseste Ahnung.“
Ganz langsam legte Jürgen beide Handflächen an die Schläfen, noch einmal zu kontrollieren, ob sein Kopf da sei. Die Handflächen trafen zusammen. Kein Kopf war dazwischen. Jürgen stieß einen kurzen Schrei aus. Und lag leichenstill bis in die Nacht hinein. Der Reisepaß war schon gebracht worden.
Die Stadt schlief. In Haus und Garten rührte sich nichts. Der volle Mond hing am Himmel. Jürgen schlich ins Arbeitszimmer, einige Minuten später durch den Garten, heftete einen Kanzleibogen an den Türpfosten, an den er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ angebracht hatte, und las:
„Wer den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers anzugeben vermag, erhält jede gewünschte Summe. Hier werden Begeisterung, unverbrauchte Wahrheit, Bewußtsein und Hingabe gekauft.“
Befriedigt stieg er die Treppe hinauf und packte seinen Reisekoffer, wusch sich, kleidete sich um.
Noch einmal schlich er in das dunkle Schlafzimmer, vor den mannshohen Ankleidespiegel. Die Hand am Schalter, wartete er erst einige Sekunden, bevor er das Licht andrehte.
Lebensgroß erschien das Spiegelbild. Jürgen schrie vor Freude, hob dabei den linken Arm.