„... hat man ja in Berlin keine Schuhe an ... Nein, ein Jürgen Kolbenreiher ist bei uns nicht gemeldet.“ Das Schalterfenster klatschte knapp vor Jürgens Stirn herunter.

‚Vielleicht lebt er einfach unangemeldet. Ich natürlich weiß am allerwenigsten, ob er dazu fähig ist.‘

Vollkommen gefühl- und empfindungslos geworden, stand er in der verkehrreichen Straße, gleich einem zu Eis erstarrten Gegenstand, der in der lebendigen, sengenden Sonne steht und nicht schmilzt.

In allen Menschengesichtern, die an ihm vorbei auf Körpern straßauf, straßab getragen wurden, stand, ob sie sprachen oder schwiegen, lachten oder dachten, die selbe eisesstarre Einsamkeit.

So unabänderlich einsam, wie die Fliege, die, mit dem dicken Kopf voran, im Zickzack durch die Luft zuckt, dachte Jürgen und beugte sich, durchschüttert plötzlich von wunderbarem Wehgefühl, hinab zu zwei kleinen Kindern, die im Erdrund eines Baumes hockten und, in den Augen noch das volle Leben, hingegeben mit Steinchen spielten.

‚Und in zehn Jahren wird die große, lebendige, schmerzliche Sehnsucht kommen, in weiteren zehn Jahren auch für sie die unlebendige graue Einsamkeit, da auch sie gleich allen dann die Sehnsucht nicht mehr haben werden.‘

Ihn trieb die Sehnsucht, wiedererstanden in ihm durch das Erblicken der zwei noch im Fluß des Lebens spielverbundenen Kinder, weiter straßauf, straßab.

„Ja, der wohnt dort in dem gelben Haus.“

Das Herz blieb stehen. Klopfte noch immer nicht wieder. Begann in rasendem Tempo zu hämmern. Die Schläfen, graukalt geworden, stiegen über den Kopf empor. Todesangst packte und erfüllte ihn bei der Vorstellung, ihm, den er verraten und verkauft hatte, in die Augen zu blicken.

Der am ganzen Körper Zitternde wußte, daß er auf der Stelle tot zusammenbrechen werde, angesichts des Andern; dennoch trug letzte Bereitschaft, die Glieder lösend selig ihn durchströmte, Jürgen auf das gelbe Haus zu, bis vor das Porzellanschild.