Da sah er wieder diese von einer unsichtbaren Last erdrückte Frau, der er schon am Morgen und noch einmal gegen Abend des selben Tages beinahe an der selben Stelle begegnet war, und die anzusprechen und nach sich zu fragen er nicht gewagt hatte, wegen der erstarrten Hoffnungslosigkeit in ihrem Antlitz.

Die Frau, deren Lebensgefährte vor zwei Tagen gestorben war, trug, in Blick und Gang schon wie körperlos geworden, seit zwei Tagen die Last der hoffnungslosen Vereinsamung ziellos im Kreise immer um den selben Häuserblock herum.

Das bange Gefühl, diese Frau sei in ihrem armen Herzen so ertötet, daß sie nicht mehr geben und nicht mehr empfangen könne, verhinderte ihn auch jetzt wieder daran, einmal bei der Hoffnungslosigkeit anzufragen, nachdem alle von Hoffnungen und Zielen noch Erfüllten ihm nicht hatten helfen können.

Nur den Bruchteil einer Sekunde sah sie Jürgens bangen Blick auf sich gerichtet. Ein stöhnendes Schluchzen brach aus. Drei Töne. Dann trug sie, wieder starren Gesichtes, weiter langsam durch die Straße ihre hoffnungslose Vereinsamung.

Vor dem Hotel sprach der Portier mit einem Schutzmann. Zurückweichend blieb Jürgen stehen, bewegte den Zeigefinger vor der Brust verneinend hin und her, pfiff, die Brauen hochgezogen, einen Ton und kehrte um.

„Die suchen ja mich, den Falschen, den Scheinjürgen, den Scheckfälscher, den, der im Hotel den Namen Kolbenreiher auf den Meldezettel schrieb. Sie suchen das Nichts, das sich anmaßte, zu sein.“

Die Angst, festgenommen und eingesperrt zu werden und sich dann nicht mehr suchen zu können, jagte ihn fort. In ein anderes Hotel zu gehen wagte er nicht. Er wagte nicht mehr, sich sehen zu lassen. Ganz plötzlich sah er keine Möglichkeit mehr, sich zu finden.

„Eingekreist! ... Im Freien schlafen! Eingekreist!“

Ein letzter Rest von Hoffnung, Hilfe zu finden bei der Hoffnungslosen, trieb ihn ihr nach, die Straße hinunter, die in den Tiergarten mündete. Sein Gesicht war in Abwehr verzerrt. Die Zähne bleckten.

Sein Körper fiel auf die erste Bank, die am Spreekanal stand. Die Vereinsamte neben ihm hatte sich nicht gerührt. Sie ängstigte sich nicht. Sie blickte blicklosstarr auf das Leben, das weiter ging, hinweg über ihr Leben: Zwei Stadtbahnzüge, leuchtende Lineale, schoben sich aneinander vorbei, durch die Nacht.