Sah das Sterbezimmer, wo der, mit dem zusammen sie in Kampf und Leid des Lebens ein Leben gelebt hatte, noch auf dem Bette lag, weiß zugedeckt, bis zum Kinn.
Am Tone schon des ersten Wortes, das sie sprach, fühlte Jürgen, daß neben ihm das Schicksal saß.
Zu Füßen der beiden regte sich leise das Leben: streifte das Wasser die Mauer.
Sie hob die kraftlose Hand. Sie sagte, verzuckenden, tränenrauhen, warnenden Tones, als warne sie jeden einzelnen dieser Erde: „Kein hartes Wort kann mehr zurückgenommen werden.“
Erschlossen plötzlich und schmerzlich berührt von der erhabenen Größe dieses schicksalhaften Leids der Hoffnungslosigkeit, berührte er die Schulter der Vereinsamten.
Sofort brach sie in stöhnendes Weinen aus. „So früh gestorben, weil er für diese Zeit zu gütig war. Zu gütig war.“ Stand schwer auf. „Zu viel, zu viel ist mir geschehen.“ Und ging. Das Dunkel nahm sie.
Vor dem reglos Sitzenden, der schmerzlich bewegt den verklingenden Schritten lauschte, ankerte neben der kleinen Eisenbrücke im Kanal ein Frachtschiff, auf dessen äußerster Spitze unter dem roten Signallicht ein junger Hund stand, der aufmerksam blickte. Und wie damals, da er, kommend aus Katharinas Zimmer, zusammen mit den neun Bezirksführern stadtwärts marschiert war, wehte auch jetzt kühler Teergeruch, und durch die Baumkronen schimmerten die Lichter der Stadt.
Entbunden durch seine tiefempfundene Hilfsbereitschaft, die ihm verstattet hatte, das eigene Leid zurückzustellen, und verstärkt noch durch das erinnerungsträchtige Landschaftsbild, war in Jürgen plötzlich Sehnsucht nach Katharina und zugleich mit dieser brennenden Sehnsucht das Gefühl, körperlich vorhanden zu sein, mit solch blitzhafter Schnelligkeit entstanden, als ob es ihm nie entschwunden gewesen wäre.
So gewaltig war die Freude, daß ihm nicht Kraft blieb, den Freudeschrei auszustoßen. Weichheit tat sich milde in ihm auf. Tränen drangen durch die Lider. Machtvoll zog die Hoffnung in ihn ein.
„Schnauzl“, flüsterte er zärtlich und lockte mit Daumen und Zeigefinger.