Der Hund erhob sich, wedelte mit dem Schwanzstumpf, lief, zutraulich wimmernd, auf dem Bordrand hin und her, stand, blickte, bellte verlangend einen Ton. Stille ringsum.

„Ein Hund und am Himmel die Sterne. Das ist zu viel und zu wenig für den Menschen. Zu wenig und zu viel. Der Mensch leidet ... Er erkenne im Leide und kämpfe!“ sagte Jürgen. Das war wie ein Gelübde.

Ohne Eile, ohne Weile schritt er stadtwärts, zum Bahnhofe. Und fuhr mit dem nächsten Zuge zurück in die Heimatstadt. Seine Haare waren ergraut, Gesicht und Körper ganz vom Fleische gefallen.

Einige Tage nach seiner Rückkehr – Herr Wagner und drei Ärzte waren bei Jürgen gewesen – stand in der Zeitung, Herr Kolbenreiher, Teilhaber der bekannten Bankfirma (deren Stammhaus übrigens schon in den nächsten Tagen in neuer, verschönerter und bedeutend vergrößerter Gestalt dem Parteienverkehre übergeben werden würde), habe sich durch seine unermüdliche und hingebungsvolle Arbeit eine Nervenentzündung zugezogen, die zwar sehr schmerzhaft, aber bei der kräftigen Konstitution des Patienten nach Ansicht der Ärzte allein schon durch Ruhe und den Aufenthalt in frischer Luft rasch zu beheben sei, so daß Herr Kolbenreiher seine bewährte Arbeitskraft bald wieder in den Dienst der Firma werde stellen können.

Auch Jürgen las diese Notiz. Ihn interessierte nur das Wort ‚Konstitution‘. Er fragte Phinchen, ob sie glaube, daß er ein konstitutioneller Schuft oder ein Schuft aus freier Entscheidung, also ein für seinen Verrat verantwortlicher Schuft sei, der die Kraft gehabt hätte, keiner zu werden. Er stand unter dem Türrahmen der Küche und blickte gespannt in das fassungslos zurückfragende Gesicht. „Was meinst du, Phinchen?“

Unabgewendeten Blickes ließ Phinchen den Spüllappen fallen, trocknete, wie immer, wenn Jürgen die Küche betrat, gewohnheitsmäßig die violetten Hände an der Schürze ab. Der Jammer um ihren abgezehrten Herrn gab ihr die Worte, Jürgen sei immer der beste Mensch von der Welt gewesen; sicher habe er niemals absichtlich Böses getan.

Da geriet er in Erregung. „Dann wäre ja alles hoffnungslos. Denn wie könnte ich aus diesem Wuste menschlicher Niedertracht herausfinden, wenn ich ohne Schuld, ganz ohne eigenes Zutun hineingeraten wäre ... Aber du kannst das ja nicht wissen. Sechzehn – und jetzt bist du vierzig. Hast dein Leben in dieser Küche verbracht.“

Wochenlang verließ Jürgen das Haus nicht. Er kleidete sich gar nicht mehr an, aß und schlief außer jeder Regel. Manchmal wandte er sich mit einer Frage an Phinchen, deren Herz die Antwort gab.

Sehnsucht und Grübelei kreisten immer um den selben Punkt. Auf der Welt war nichts als er und der Panzerplattenturm, vor dem er grübelnd saß und stand und lag und kniete, dieses Panzerplattengewölbe in ihm selbst, zudem er Einlaß suchte und nicht fand.

Zäh, gequält und unverdrossen machte er sich jeden Tag und jede Nacht von neuem an die Aufgabe. Jeden Gedanken dachte, jeden Schritt machte der Wahnsinn mit. Und auf dem Tisch lag der Revolver.