Schon hatte er die Fähigkeit erworben, sich im Wachtraum und auch im tiefsten Schlaftraum zu beobachten. In der Finsternis unterirdischer Gewölbe, durch die er traumsicher schritt, traf er den Andern, den er suchte, führte mit ihm traurig geflüsterte Wechselreden. Im Blick des Andern stand sehnsuchtslose Bereitschaft. „Geh und miß!“

„Ja, messen! Ich werde messen. Dies ist das Mittel.“ Da saß er aufrecht im Bett: blickte die Schranktür an. „Messen?“

So ausschließlich lebte er seiner Aufgabe, daß es ihm trotz Unterbrechung des Traumes auch diesmal gelang, die Fortsetzung des Traumes zu träumen, in das Gewölbe, das tief unter dem Leben lag, zurückzugelangen, vor die Augen des Andern, die sehnsuchtslos und unerbittlich ihn anblickten.

Jürgen wußte, daß er nicht fragen dürfe, was er messen solle. Und als er flüsternd dennoch fragte, verschwand das Gesicht. Logikferne Gebilde zuckten auf, verzuckten in Finsternis. Lichtbündel verzischten in Finsternis, aus der sekündlich wieder Licht aufspritzte.

Da schoß eine dicke, schmerzhaft weiße Lichtfontäne auf, in deren Mitte unirdisch weiß das Wesentliche lebte, das, im Tiefsten ihn durchschauernd, plötzlich sein eigen wurde.

Inbrünstig bemühte er sich, das Wissen vom Wesentlichen aus dem Halbschlafe heraus in das Wachsein herüberzuretten, öffnete mit großer Vorsicht wiederholt die Lider, nur einen Millimeter: Immer war das Wesentliche weg und nur die Schranktür da.

Und als er ganz erwacht aufrecht im Bette saß, wußte er nicht mehr, wann und wie und durch wen ihm der Rat zuteil geworden war, noch einmal, wie in der Jugend, eine Wanderung durch die Menschheit zu machen, unverstellten Blickes.

„Dann werde ich wieder dorthin gelangen, wo ich schon war. O, Bewußtsein!“ Sein sehnsuchtsvoller Freudeschrei riß ihn aus dem Bett.

Bereit, jedes Leid und selbst den Tod zu erleiden, verließ er das Haus, in der Tasche den entsicherten Revolver.

Der Sonntagmorgen tat sich vor ihm auf. Glocken läuteten. Ein roter Sonnenschirm überquerte die Straße. An Jürgen vorbei marschierte eine Knabenklasse, in Viererreihen streng geordnet und geführt vom Lehrer, der kommandierte: „Links! Rechts! Links! Rechts!“