„Wenn die Schwerter blitzen und die Kugeln fliegen ...“ „Links! Rechts!“

An dem Lehrer sah Jürgen das erstemal dieses Gebilde, das im Rücken hing, verkümmert, eingeschrumpft, vertrocknet. „Das ist, mitgeboren, aber ganz verödet, das Eigene, das in gar keiner Wechselwirkung mehr zu seinem Träger steht“, flüsterte er und ließ sich auf den Lehrer zugehen. „Auch Sie machen sich mitschuldig an einem furchtbaren Verbrechen, und ich kann Ihnen sagen, weshalb.“

Erst als er den Lehrer schüttelte und in das empörte Gesicht sagte: „An einem entsetzlichen Verbrechen! Denn Sie lassen sich als Seelenmörder gebrauchen“, stutzte der Lehrer, riß sich los, eilte der Klasse nach und richtete die in Unordnung geratenen Viererreihen wieder aus mit dem Kommando: „Links! Rechts!“

Von einem visionären Blitz erleuchtet, sah Jürgen sämtliche Knabenklassen Europas, die, kommandiert von den Lehrern, auf einer Riesenebene in linearer Ordnung kreuz und quer umhermarschierten und unter Geschützesbrüllen unversehens Infanterieregimenter wurden. Ununterbrochen stiegen die erstickten Seelen aus den strenggeschlossenen Schülerquadraten in die Höhe und verschwanden mit klagendem Gesange.

„Wohin?“ fragte Jürgen. „Wohin sind sie verschwunden?“ Er stand, noch durchzogen von der Vision, reglos und entrückt, bis drei alte Herren ihm in das Blickfeld hineinspazierten. Der eine erzählte etwas, verteidigte sein ablehnendes Verhalten. „Da kam es darauf an, ein Charakter zu sein.“

„Sie aber haben keinen Charakter. Denn was würde geschehen, wenn Sie Ihr Vermögen, Ihre Stellung, Ihre Privilegien und die Achtung der geachteten Männer verlören? Wo bliebe dann Ihr Charakter? Sie, meine Herren, sind Charaktermasken.“ Und er deutete auf die eingetrockneten Gebilde, die sich mit den dreien fortbewegten.

Als habe eine Hand ihn durch die vielen Straßen hin geführt, stand plötzlich, die düsteren Fensterlöcher quadratiert mit dicken Eisenstäben, vor ihm das Gefängnis, ein steingewordener Schrei.

Dunklen Druck in der Brust, blickte Jürgen die zufriedenen Sonntagsspaziergänger an. „Sie gehen vorüber, unberührten Gemütes.“ In seiner Brust stand das ganze wuchtende Gebäude.

Und er schritt, stehend vor der Mauer, wieder durch die Gänge, Gänge, die in seinem Herzen waren, durch den Saal, in dem die engmaschigen Drahtgitterkäfige standen, jeder ein menschliches Wesen trennend von den menschlichen Wesen.

‚Schnauzl!‘ lockt mit Zeigefinger und Daumen die verwüstete Siebzehnjährige. Katharinas Schnauz wedelt kläglich mit dem Schwanzstumpf.