Qualvolle Machtlosigkeit, wie damals, preßte Jürgens Herz zusammen.

Die Zellentür tut sich auf. Vor ihm steht Katharina im grauen Gefängniskleid, das verschönt ist durch den ordnungswidrigen Einschlag beim Halse. Der kleine, feste Mund lächelt froh.

Stürmische Liebe, wie damals, brach in Jürgen los. Da blickt Katharina gleichgültig und kalt ihn an. (‚Auch kann ich ein Mädchen sein, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihr verächtliches Abweisen ...‘)

Mit beiden Händen griff Jürgen in die Luft und taumelte gegen die Gefängnismauer, blickte flehend Katharinas Blick an, der lautlos sprach: ‚Nimm erst von neuem auf dich alle Qualen!‘

Zwei paar Arme, an denen Spazierstöcke baumelten, breiteten sich aus, fielen schenkelwärts. Schultern zuckten. Jürgen betrachtete die eingeschrumpften Gebilde. „Auch ganz und gar entselbstet!“ Und folgte, berührt von dem Interesse des Leidensgenossen für die Leidensgenossen, den zwei Männern.

„Da bin ich ganz deiner Meinung, Vorstand“, wiederholte der zweite Vorstand und ließ den ersten Vorstand vorangehen, hinein in das Gesangvereinslokal, in dem die Tenor- und Baßtische schon voll besetzt waren.

Unbemerkt stand Jürgen hinter dem großen Kachelofen. Aus dem Gastzimmer klangen, durch die geschlossene Tür durch, die Klüpfelschläge des Wirtes, der den Hahn in das Bierfaß schlug.

Er habe die außerordentliche Singprobe einberufen, weil das hochverehrliche Gründungsmitglied, Herr Simon Ott, im Sterben liege. „Er liegt in den letzten Zügen.“

In diesem Moment wurde Jürgen von einer Möwe besucht. Lautlos. Sie stand vor ihm, glich einer nordischen Frau – groß, hellblond – und hatte ein gefühlsentferntes, vollkommen seelenloses Gesicht.

Jenseits aller Verwunderung sagte Jürgen zu ihr: „Nur wußte ich bis jetzt nicht, daß Möwen schöne, kühle Frauen sind.“