„Es ruhet der Schläfer vom Leben aus.“

Gabelförmige Schwingen kamen fühlergleich und steif vorne aus der Körpermitte der Möwenfrau heraus, verschwanden wieder. Sie bewegte sich wie ein Vogel, der zum Fluge anhebt, sah mit inhaltslosen, blauen Augen Jürgen an, der dachte: Will sie fort?

„Und über dem Hügel: sum, sum, sum, sum.“

„Mehr piano! Nicht: sum, sum, sum, sum; sondern: sum, sum, sum, sum ... Sie, meine Herren, sind doch keine Schmeißfliegen; Bienen summen viel zarter.“

Plötzlich sah Jürgen vierzig zur Decke gerichtete Augenpaare, vierzig eirund geöffnete Münder und an den Rücken der Sänger, die jetzt im Halbkreise alle um das Klavier herumstanden, die vierzig eingetrockneten Gebilde.

Die Schwingen kamen gabelförmig vorne aus der Leibesmitte der Möwenfrau heraus; Jürgen setzte sich darauf und schwebte, den Kopf an die nebelumflorte, schöne Brust der Frau gelehnt, über das kalte, weite Meer, ruhend in der Überzeugung, daß er zu dem unbekannten Orte gelangen werde, wo sein Bewußtsein auf ihn warte.

Die Möwenfrau selbst darf, da sie erstickte Seelen fortträgt, natürlich keine Seele haben, dachte Jürgen während des lautlosen Fluges. Und sagte zu ihr: „Wenn ich nun dem Arzte erklären würde, daß auch diese Sänger ganz und gar entselbstet sind, und daß ihre Seelen, von dir und deinen Schwestern hingebracht, irgendwo im Weltenraume schmerzlich warten, in ungeheuerer Einsamkeit, würde er mir nicht glauben, sondern behaupten, mein Zustand habe sich verschlimmert ... Die Psychiater sind doch zu dumm. Glauben Sie das nicht auch?“

Die Möwenfrau antwortete nicht, flog weiter, leicht vorgebeugt. Ihre Augen hatten sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.

Weil sie eben keinen Gesichtsausdruck hat, dachte Jürgen und drehte das Gesicht nach oben, blickte ihr in die Augen.

Ringsum war nur noch Wasser und Nebel.