Herr Hohmeier war nicht fähig, zu arbeiten. Ein ungeheurer innerlicher Aufruhr machte ihn blind. Die beinahe immer gegenwärtige Vorstellung, daß er sich am Tage seiner Beförderung eine goldene Brille kaufen und nach der übernächsten Beförderung sich mit dem neben ihm gealterten Mädchen einstweilen wenigstens verloben werde, schob sich auch jetzt hartnäckig in den Vordergrund. Immer wieder sah er sich, goldbebrillt, vor dem Traualtare stehen. So daß über eine Stunde vergangen war, bevor er gefunden hatte, was Seidel endlich einmal klar und deutlich gesagt werden müsse.
„Der sehr bedauerliche Vorfall von vorhin bedarf dringend der Aufklärung. Ich, meinerseits, muß Ihnen sagen, daß in diesem Bureau ein Sichvordrängen – ich könnte mich auch noch schärfer ausdrücken – nichts nützt ...“
„Und ich muß Sie bitten, mich nicht bei der Arbeit zu stören.“
„... denn wenn alle Beamten hier in diesem Bureau gewissenhaft ihre Pflicht tun – und das kann als sicher angenommen werden –, so daß keiner entlassen wird, werden Sie, Herr Seidel, in acht Jahren an meinem Pulte sitzen und in zwölf Jahren am Pulte des Herrn Ank ... Unterdessen werde ich an Herrn Anks Pult gesessen haben. Herr Ank an des Herrn Bureauleiters Pult. Und der Herr Bureauleiter wird, seinen Dienstjahren entsprechend, eine höhere Stelle in einem anderen Bureau einnehmen ... Es gibt in diesem Gebäude sehr viele Bureaus, die wir zu durchlaufen haben, ehe wir pensioniert werden. Ein Durchbrechen dieser Ordnung gibt es nicht. Das wollte ich Ihnen gesagt haben.“ Bebenden Mundes ging er an sein Pult zurück.
Und Leo Seidel, der schon am Anfang dieser plastischen Darstellung sich gesagt hatte, daß in einem Magistratsbureau das Wort ‚Freie Bahn dem Tüchtigen‘ ganz offenbar keine Gültigkeit habe, und daß somit ein schnelleres Vorrücken nahezu ausgeschlossen sei, schrieb noch am Abend des selben Tages peinlich sauber sein Entlassungsgesuch.
Die meterlange Tabakspfeife wie einen Offiziersdegen geschultert, kratzfußte der Korpsstudent Karl Lenz abgehackt und streng vor seinem früheren Schulkameraden Jürgen und fragte ihn, welchem Korps er angehöre.
„Ich studiere Philosophie, wie du weißt. Seit einem Jahre!“ sagte Jürgen stolz. „Einer Verbindung gehöre ich nicht an ... Ich wollte Herrn Professor Lenz meinen Besuch machen.“
Der noch immer in steifer Verbeugung stehende Korpsstudent zuckte mit dem Kopf nach vorn, und seinem Mund entfuhr, als er die Lippen öffnete, ein knallender Ton: „Gehören Sie nicht an? ... Vor allem: Ihnen zur Kenntnis, daß mein Vater vor einer Woche zum Geheimrat ernannt worden ist.“ Er machte linksum und blickte, dem Gast den Rücken zugekehrt, paffend zum Fenster hinaus.
Die wirkliche Welt um Jürgen versank. Alles natürliche Denken und Fühlen verschwand. Erst nach minutenlanger Pause sagte er: „Da gratuliere ich.“
Der Student antwortete mit einer weißen Dampfwolke, die an der Fensterscheibe hinaufstieg, rührte sich nicht. Und Jürgen saß plötzlich in einer glänzenden Studentengesellschaft, hatte ebenfalls eine grüne Mütze forsch im Nacken sitzen, das Couleurband schräg über der Brust. Alle trinken ihm zu. Er ist geehrt, geachtet, spielt eine Rolle. Kommt Karl Lenz und starrt ihn herausfordernd an. Jürgen starrt zurück. Und springt auf. Schweigen. Alle springen auf. Kartenwechsel. Jürgen schlägt sich tadellos. Phinchen ist totenbleich vor Bewunderung. Und die Tante läßt sich den ganzen Vorgang erzählen.