‚Er also starrt mich an. Nun, du kennst mich ja, Tante, und weißt, daß in diesem Falle die Forderung meinerseits unvermeidlich war. Meine Kommilitonen und ich zechen erst noch die ganze Nacht durch, als ob gar nichts geschehen wäre. Dann fährt die ganze Bande per Auto mit hinaus ins Wäldchen; sie warten im Wirtshaus auf mich. Ich also trete an, frisch und munter, wie aus dem Bade gestiegen.‘
‚Mein Gott, Jürgen, hattest du denn gar keine Angst?‘
‚Aber Tante! ... Also, er bekommt den besseren Platz, steht im Schatten eines Baumes, ich mit dem Gesicht gegen die Sonne ... Na, und schon beim ersten Gang – schwere Abfuhr natürlich.‘ ‚Nun, und jetzt?‘ ‚Gott, jetzt natürlich ehrenvolle Versöhnung. Denn wenn einmal Blut geflossen ist ... Je, das Hallo, als ich zurück in die Kneipe kam! Ja. Nun aber genug davon!‘
Der breitspurig und noch immer reglos am Fenster stehende Student war von blauem Dampfe eingehüllt. Aus dem Nebenzimmer erklang Gläserklirren. Er schnellte sofort herum, glotzte seinem Gast ins Gesicht.
Da knallte auch Jürgen mit den Absätzen. Die ineinander verkrampften Hände schüttelten sich. Beide Oberkörper zuckten mehrere Male ruckartig und schiefseitwärts aufeinander zu, bis, durch die Handkuppelung hergestellt, die wagrechte Zickzacklinie der zwei Ober- und Unterarme in Stirnhöhe feierlich verharrte.
Und während Jürgen sich auf das Kanapee zurückverbeugte, verbeugte der Student sich der Tür zu und ging in sein danebenliegendes Zimmer, wo auf dem Tisch drei Glas Bier für ihn bereitstanden.
Der Student hatte die Begrüßungsmaske mit in sein Zimmer getragen. Jetzt erst fiel sie von seinem Gesicht herunter. Und der Ausdruck dumpfer, wilder Konzentration nahm Platz, während er, das Bierglas in der einen, die Taschenuhr in der linken Hand, wartete, bis der Sekundenzeiger die Zahl Eins erreichte. Schon vorher war sein Mund ein großes Loch geworden. Plötzlich glotzten die Augen stier und tränten: das Bier stürzte in den Magen. „Bierjunge!“ Und das leere Glas knallte auf den Tisch.
Mit dem Worte ‚Bierjunge‘ spritzte ein Teil des Bieres im Bogen wieder heraus, während die Augen auf den Sekundenzeiger starrten. Das Gesicht des Studenten, der auf dem letzten Kommers von seinem Korpsbruder beim Bierjungen-Trinken besiegt worden war, verzog sich kläglich: er hatte mehr als eine Sekunde zu lange gebraucht.
„Ich habe wieder geschluckt. Ich schlucke noch. Das ist mein ganzer Fehler.“ Energisch trainierte er weiter: Der Sekundenzeiger erreichte die Eins. Großes Loch. Leeres Glas. Ein furchtbarer Brüllton: „Bierjunge!“
Wieder schnellte der im Nebenzimmer sitzende Jürgen erschrocken von der Kanapeelehne nach vorn und horchte gespannt. Wenige Sekunden später langte von oben herab die Hand des Herrn Geheimrat Lenz auf Jürgens Schulter. „Nun, mein Freund, welchem Korps gehören Sie an?“