„Bierjunge!“
„Ah, der Junge übt. Ja, schön ist die Jugend.“ Der Geheimrat Lenz trank gern Moselwein.
Was wird geschehen, wenn ich gestehe, daß ich keiner Verbindung angehöre, dachte Jürgen. Und sein Mund sagte: „Ich halte das für überflüssig.“
Die väterliche Hand rutschte von Jürgens Schulter herab und legte sich in die Hüfte des Geheimrats. Der Unterleib schien in die Brust hinaufzusteigen. Die Augen fragten: Was wollen Sie dann bei mir?
Endlich sagte der Geheimrat: „Junger Mann, nur wer einem Korps angehört, lernt die oberste aller Pflichten, die ihn erst befähigt, später zu den Ersten, zu den Führern seines Volkes zu gehören: die schwere, aber schöne und erhabene Pflicht des Gehorsams, das freie Beugen vor der Autorität, ohne welche nichts in der Welt bestehen kann ... bestehen kann. Die Narben im Gesicht des Korpsstudenten sind die Bürgschaft dafür, daß der ganze Mann, der für seine und für des Korps Ehre ohne zu zucken dem Gegner mit blanker Waffe gegenüber gestanden hat, auch später, wenns einmal so weit ist und Gott es will, bis zum letzten Blutstropfen dem Vaterlande die Treue halten wird, wenn es gilt, die Ehre des Reiches zu wahren ... Aber außerdem: wie wollen Sie vorwärtskommen? Wie anders wollen Sie es zu einer geachteten, einflußreichen Stellung bringen? ... Denken Sie an Ihren Vater. Er war mein Freund. Wir gehörten dem selben Korps an. Er war ein Mann.“
Und ist, wie ich jetzt weiß, zusammengebrochen und kaputtgegangen, weil er nicht erreichte, Vortragender Rat im Ministerium zu werden, dachte Jürgen.
Und glitt, während er durch die Straßen ging, noch eine halbe Stunde lang weiter auf dem glatten Gleis, das der Geheimrat vor ihn hingelegt hatte. Bei einem kleinen Kolonialwarenladen, in dessen Schaufenster ein langbärtiger Zwerg aus Gips eine Zigarre rauchte, blieb er stehen.
Haß und Ekel vor dem Jürgen, der in des Studenten Zimmer das imaginäre Duell ausgefochten hatte, packten ihn so plötzlich und so heftig, daß er sich auf das Mäuerchen setzen mußte, auf dem das Schaufenster ruhte. „Welch ein erbärmliches, widerliches, feiges Schwein bist du!“ rief er dem Zwerg im Schaufenster zu. Jede Bewegung, jedes Wort, das jener Jürgen gesprochen hatte, folterte den Jürgen, der, brennend vor Scham, auf dem Mäuerchen saß.
Da schwenkte, Lack-, Glacé- und Hosenfalten-glatt, Adolf Sinsheimer um die Ecke, nahm schon in der Ferne feierlich den Zylinder ab. Unwillkürlich hatte auch Jürgen feierlich gegrüßt.
„Große Aufregung im Hause Lenz, was?“ fragte Adolf, nachdem er erfahren hatte, wo Jürgen gewesen war. „Wirklich nichts bemerkt? Dann wissen die es einfach noch nicht ... Gestern nämlich ist Katharina von zuhause durchgebrannt. Schlankweg zu den Anarchisten! Die fabriziert jetzt Bomben. Auch eine Beschäftigung! ... Übrigens, du gestattest doch, daß ich mich bedecke?“