„Weshalb solltest du deinen Zylinder in der Hand halten!“ Jürgen war wütend.
„Ein ereignisvolles Jahr! Man entwickelt sich schneller, als man geglaubt hat. Ich sitze längst im Direktionsbureau. Rechte Hand des Chefs! Und was das Leben anlangt, mein Lieber, da akzeptiere ich keine mehr, die nicht tadellos gewachsen ist. Vor allem die Beine! Kann mir nicht mehr passieren.“
Was ist da zu tun – er entwickelt sich, dachte Jürgen und blickte Adolf nach, der frisch und glatt davonschritt. ‚Was ist da zu tun.‘
Plötzlich stand Adolf wieder vor ihm. „Leo Seidel war bei mir. Total zusammengeklappt! Mein Alter hätte ihn ja als Schreiber in unserer Buchhaltung angestellt. Er aber erkundigte sich nach den Aufstiegsmöglichkeiten. Was sagst du dazu? ... Mein Alter fragte ihn, ob er ihm vielleicht Prokura erteilen solle. Schwuppdich – war er draußen ... Später erfuhr ich, daß er zu allen früheren Mitschülern läuft, deren alte Herren, wie er glaubt, ihm einen Posten mit – husch, die Lerche! – Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen könnten.“
Auch bei Jürgen war Seidel gewesen. Jürgen hatte ihm vorgeschlagen, er solle mit ihm zusammen einen Bund der Empörer gründen. Seidel hatte geantwortet, dazu sei er nicht dumm genug. Und der Rektor hatte Seidel geantwortet, einem derart unbescheidenen Menschen, der aus Unzufriedenheit leichtfertig sein Glück verscherzt habe, noch einmal eine Stelle zu verschaffen, müsse er prinzipiell ablehnen.
Einige Monate war Seidel bei dem Bankier Wagner in der Buchhaltung beschäftigt gewesen. Aber auch in diesem großen Bankhause waren die Wege zu den zäh verteidigten einträglichen Posten zwanzig Jahre lang und führten, gezogen mit dem Lineal, zwischen unübersteigbar hohen Mauern durch.
Seidel hatte bald erkannt, daß hier alle Angestellten nicht nur unangreifbar gewissenhaft, sondern ausnahmslos auch flink wie die Kreisel waren; daß es Hohmeiers hier überhaupt nicht gab; und daß niemand Bankangestellter werden und bleiben durfte, der Bankier werden wollte.
Der schwindsüchtige Briefträger und seine Frau waren gestorben, die vier jüngeren Geschwister in das Waisenhaus gebracht worden.
Die neue Mietpartei war schon eingezogen in das Hofzimmer, in dem Seidel sein ganzes Leben vom Tage der Geburt an in immer gleicher Armut verbracht hatte. Es war ihm erlaubt worden, die altersschwachen Möbel so lange in der Holzlage einzustellen, bis er einen Altwarenhändler fand, der auch den armseligsten Gegenstand nicht für ganz wertlos hielt.
Den nach Begleichung der letzten Vierteljahrsmiete und der Schulden beim Kolonialwarenhändler und Bäcker von dem Erlöse der Wohnungseinrichtung übriggebliebenen winzigen Rest des Geldes in der Tasche, das Herz kalt vor Energie und zielbewußter Willenskraft, von Wehmut, Feigheit und schwächlichen Überlegungen nicht gehemmt, verließ Leo Seidel um acht Uhr früh für immer seiner Jugend stinkenden Hof, in dem nie etwas schön gewesen war, außer einem Büschel Löwenzahn, der, kümmerlich und zäh, jedes Jahr in der gepflasterten Ecke geblüht hatte.