Seidels Herz hatte ihn niemals zu den gelben Blüten geführt; es war, jenseits von Gefühlsüberschwang, ein gehorsam arbeitender Muskel und wurde vom Gehirn regiert, das Seidel zum Träger eines zielklaren Willens machte.
Losgeschnitten von der Vergangenheit, vor sich das Obdachlosenheim, stand er blank auf der Straße, völlig auf sich selbst gestellt.
Herabgesunkener Morgennebel, der nur die Dächer der zwei nächsten Häuser links und rechts von Seidel freiließ, hatte die Straße, die wenigen Passanten und alle Geräusche verschlungen. Seidel stand grau in grau. Und erklärte sich selbst, weshalb für ihn Grund zum Jammern nicht vorhanden sei: Er habe Zeit, sei jung und gesund und bereit, rücksichtslos seinem Ziele entgegenzugehen.
Um dieses Zieles Inhalt und Ausmaß einwandfrei abzustecken, sondierte er vorstellungskräftig die Idee eines Friseurgehilfen, der darauf spekuliert, in das Geschäft einer Friseurswitwe einzutreten mit dem Ziele, die Witwe zu heiraten und Geschäftsinhaber zu werden; einen jungen Handlungsgehilfen ließ er mit der reizlosen Tochter des Chefs zum Standesamt gehen und ihn in einem dunklen, duftgeschwängerten Laden ein warmes Drogistenglück bis zum Tode genießen. Unbelasteten Gemütes folgerte Seidel, daß auch er in irgendein Geschäft eintreten und sich im Laufe der Zeit ein auskömmliches Dasein in bescheidenen Grenzen erarbeiten könnte.
Er trennte sich von dem Ziele des Friseurgehilfen, vom Drogisten, und wandte sich seiner Laufbahn zu, die zwar noch kleiner und unsicherer als die eines Drogistengehilfen beginne, aber Lücken und Spalten und Maschen habe, durch die er durchschlüpfen zu können hoffe, worauf die Laufbahn in Form einer Spirale unter zäh zu überwindenden Schwierigkeiten aller Art ansteigen und in der Berliner Börse enden werde. Dann breitete sich das Leben aus: Jedes Wort des Finanziers Leo Seidel hat Gewicht; eine von ihm verweigerte Unterschrift verursacht Beklemmung und Katastrophen in den Bankhäusern.
Seidels Augen schlossen sich halb. Er flüsterte: „Aus eigener Kraft! Keiner meiner Mitschüler wird sich mit mir vergleichen können; sie alle werden hinter mir zurückbleiben, obwohl sie geebnete Wege vorfanden.“
Er befand sich auf dem Wege zu dem Platz, wo die Schaubudengerüste aufgestellt wurden für den am folgenden Tage beginnenden großen Jahrmarkt. Er dachte, gegen die hier beschäftigten verkommenen Existenzen werde ein gewissenhafter Mensch ganz besonders scharf abstechen und, über sie hinweg, bei einem Schaubuden- oder Karussellbesitzer schnell zu einer Vertrauensstellung gelangen können. Außerdem sei er hier nicht, wie der Droschkengaul, zwischen zwei Deichseln gespannt, da allerlei Möglichkeiten, auszubrechen, sich ergeben würden.
Seine kantige, gewaltig breite Stirn bildete zusammen mit dem sehr spitzen Kinn ein beinahe gleichwinkliges Dreieck. Das Dreieck war mit alten Sommersprossen dicht besetzt. Aber auch in bezug auf seine Streberei hatte er in der Schule den Spitznamen „Sprosse“ bekommen. „Von Sprosse zu Sprosse.“
Burschen in verblichenen Sweaters, die Zigarette hinter dem Ohr, rissen Pflastersteine heraus, hockten, in Morgennebel gehüllt, auf den Gerüsten, nagelten, schrien, schraubten die Holzteile fest. Alles fügte sich wie immer ineinander.
Hier ist durch Fleiß und vor allem durch Gewissenhaftigkeit sicher mehr zu erreichen als in einem Magistratsbureau, dachte Seidel und fing vor dem grünen Wagen den Schiffschaukelbesitzer ab, zog den Hut. „Verzeihung, ich möchte fragen, ob Sie noch eine Hilfskraft bei Ihrem Unternehmen brauchen.“