„Mir!“ Aller Haß, der in einem Menschenkörper Raum hat, sammelte sich in Seidels Blick, gerichtet auf Jürgen, der immer sorgfältig gekleidet gewesen war, nie gehungert, regelmäßig gebadet und die Demütigungen der Armut nie erfahren hatte. „Du machst Worte. Du weißt doch sehr gut, was Reichsein bedeutet!“
„Ich war in anderer Hinsicht immer so arm wie du. In unserer Zeit sind die Menschen arm. Alle! Auch die Reichen, glaube ich. Furchtbar arm!“
Da konnte Seidel nur die Lippen verziehen. „Und was für ein Ziel hast du?“
„Ich weiß nichts. Gar nichts! ... Das Ganze ist unerträglich. Ich sage: das Ganze muß ganz und gar anders werden.“
„Nun, dann wird es ja wohl anders werden.“ Dabei schälte er das Packpapier herunter von dem poliertem, zartgebauten Nähtischchen seiner Mutter und bat, Jürgen möge es für ihn aufbewahren.
„Wenn du schon alle Beziehungen zu deinem bisherigen Leben abbrichst, was hängst du dich da an das Nähtischchen? Dieser Art Gefühle können dir – einem Menschen, der solche Ziele hat – doch nur hinderlich sein. Oder sollten Rücksichtslosigkeit und Sentimentalität einander vielleicht doch nicht ausschließen?“ Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb er Seidel diesen Hieb versetzte.
„Mit dem Ding sind meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen verbunden. Wenn die Mutter flickte, saß ich am Boden, durfte mit dem Einsatz spielen.“ Er schob die Fächerschublade wieder hinein ... „Na, heb’s auf ... Zweifellos wird die ganze Bande auf die Messe kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen. Mögen sie kommen!“ Die Lippen bebten. Die Sommersprossen traten stärker hervor, so weiß war das Gesicht geworden.
‚Vielleicht wird er ein sehr reicher, geachteter Mann werden; im Magistratsbureau würde er ein mittelloser geachteter Mann geworden sein ... Rein äußerliche Rangstufen: arm, wohlhabend, reich, sehr reich, sehr reich und gebildet, Millionär ohne, Millionär mit Geschmack und Kultur, Großfinanzier – die innere Linie ist bei allen die selbe. So ist heute das Leben ... Und ich? Wie stehts mit mir? Was soll, was will ich werden? Was und wie will ich sein? Wie werde ich in zwanzig Jahren sein?‘ Jürgen fand keine Antwort.
Das jüngste Mitglied des von Jürgen gegründeten Bundes der Empörer, ein vor dem Abiturientenexamen stehender Gymnasiast, hatte bei der Gründungssitzung erklärt, einer sei zuviel auf der Welt, entweder müsse er sich oder den Geschichtsprofessor vergiften. Und war von seiner Ansicht nicht abzubringen gewesen durch Jürgens Entgegnung, daß dann ja immer noch einige tausend Geschichtsprofessoren am Leben bleiben würden.
Als einige Tage später auch noch die zwei andern Mitglieder, fünfundzwanzigjährige, halb verhungerte Burschen, die behaupteten, als Matrosen und Goldgräber schon die ganze Welt gesehen zu haben, in der Villa erschienen waren, versehen mit einem Drahtreif voll Sperrhaken und entschlossen, die Wocheneinnahme eines Metzgermeisters, der jeden Freitag verreist sei, unter Führung ihres Vorsitzenden und mit Hilfe der Sperrhaken zu holen, war der Vorsitzende Jürgen aus dem Bunde der Empörer ausgetreten.