Die Aussprache mit einem schon älteren Manne, der sechzehn im Zimmer frei umherfliegende Kanarienvögel und eine Bulldogge besaß, aus Liebhaberei auch vorgedruckte Postkarten täuschend kolorierte und behauptet hatte, er halte die Fäden der anarchistischen Bewegung der ganzen Welt in seiner Hand, in Mexiko dürfte, entzündet durch zwei seiner Chiffretelegramme, die Geschichte demnächst platzen, war von Jürgen nach drei Minuten abgebrochen worden.
In der Jahresversammlung des Vereins für Bevölkerungspolitik und Säuglingsschutz, in der die Damen beschlossen hatten, uneheliche Wöchnerinnen und Kinder in das Heim prinzipiell nicht mehr aufzunehmen, war Jürgens Frage an das Leben ebenso unbeantwortet geblieben, wie durch die Rede des Rektors am Grabe des jüngsten Mitglieds des Bundes der Empörer, jenes Gymnasiasten, der sich am Tage nach dem mißglückten Examen erhängt hatte.
Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll eingerichteten Räumen der ‚Schule zur innerlichen Vervollkommnung‘, wo brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und kurzhaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen, war Jürgen, der geäußert hatte, die Weisheit dieser Richtschnur bestehe ganz offenbar darin, die eigene Seele zu maniküren und sich um die Not der andern nicht zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht worden, den ‚Stillen Stunden innerer Einkehr‘ von nun an fern zu bleiben, worauf er mit steigender Sympathie wieder an die zwei hungrigen Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.
Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen jungen Mädchen asiatischen Gesichtsschnittes vorgestellt worden, das ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte Gesicht emporgerichtet. Noch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt.
In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zu fressen, vielleicht erst in tausend Jahren Bestandteil einer von jeglicher Barbarei befreiten Lebensordnung, zur Zeit aber nur Sache des Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne, den Kampf gegen das Ganze und das Umstürzen erfolgversprechend zu beginnen, war Jürgen, zur Genugtuung der Tante, schon nach einer Woche vom Vegetarismus wieder zurückgekehrt zum Fleische.
Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur die tragische Wahl bleibe, Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden, hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz freiwillig nur all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nichtbesitzenden, sowie alle zusammen nur jeglicher Lüge entsagen würden, sei in der selben Stunde die Menschheit erlöst.
‚Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können‘, hatte Jürgen damals gedacht.
War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und hoffnungslos und nur, um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten.
Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen diesen hellblickenden Mädchen und schwerarbeitenden Jünglingen und über die geistig großartige Lebensauffassung, die in dem Zeichen unbekümmerter Jugendkraft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen stand, hatten Jürgen erfüllt.
Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren, noch unfertigen, nicht ganz hautreinen Gesicht hatte den beglückt durch die Nacht heimwärts Marschierenden eingeholt und ihm einen Stoß Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlern gemeinsam geschriebene und im Selbstverlage erschienene Broschüre ‚Kapitalismus, Universität und freie Jugend‘ und ein vierseitiges Werbeflugblatt ‚An die Gesinnungsgenossen‘, dessen erster Satz lautete: „Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt, die Rückseite gezeigt und im Vorfrühling mit zusammengepumptem Gelde einen verlotterten Bauernhof gekauft, der, obgleich mit Hypotheken gegenwärtig noch schwer belastet ...“ Der Schlußsatz lautete: „Unsere Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk.“